KOOPERATIONEN UND
BILDUNGSLANDSCHAFTEN

 BKJ    Weitere Aktivitäten im Fachbereich Kooperationen und Bildungslandschaften



Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.


bkj.de
ONLINEMAGAZIN „KOOPERATIONEN UND BILDUNGSLANDSCHAFTEN“ >>
/// Von der Durchreisewelt zur Umwelt



„Ob aus einer Durchreisewelt eine Umwelt wird, das kann man gar nicht zeitlich bemessen“, sagt Nadine Scheffler. Sie ist seit 2011 bei QUARTIER und Projektleiterin von „Ankommen-Willkommen“. QUARTIER organisiert soziokulturelle Kontexte mit Künstler*innen und Schulen sowie Bewohner*innen in Bremen. Dabei geht es darum, gemeinsame Momente zu schaffen, zum Beispiel mit jugendlichen Geflüchteten.


Das Projekt „Ankommen-Willkommen“ startete im Februar 2015 mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten. Die 30 Jugendlichen lernten ein Jahr lang intensiv in speziell eingerichteten Sprachklassen. Begleitet von Künstlern*innen von QUARTIER, unter anderem in einem Fotoworkshop und einem Schauspielprojekt. Ziel: Zuwanderer*innen und Stadtgesellschaft begegnen sich und die Jugendlichen gestalten ihre eigene Umwelt.

Wir wollten von Projektleiterin Nadine Scheffler wissen: Wann wird denn eine „Durchreisewelt“ zur Umwelt?

Eigentlich sind wir ja überall in einer „Durchreisewelt“. Allein wenn man von seiner Wohnung zum Supermarkt und zurück geht. Aber manchmal gibt es dann Momente von Begegnung, gemeinsamem Schaffen und Kreieren, dann, denke ich, ist das so eine Art Innehalten in der Umwelt. Das ist in der Kunst möglich. Durch Präsentationen und Ausstellungen oder auch Orte wie Museen oder Kulturhäuser, schaffen wir Brücken von Durchreisewelten zur Umwelt.

Kinder und Jugendliche, die geflohen sind, hatten mindestens zwei herbe Brüche im Leben: vom Alltagserleben in der Heimat zu einem beängstigenden Leben auf der Flucht und schließlich die „Landung“ in einer völlig anderen Umgebung. Welchen Beitrag kann Kulturelle Bildung da leisten?

Der Beitrag der Kulturellen Bildung ist, die Leute da abzuholen, wo sie stehen, ohne zu werten. Da geht es erst mal nicht um Krisenbewältigung oder Aufarbeitung; wir sind  kein sozialpädagogischer Verein. Die Künstler*innen haben einen guten Zugang auf der menschlichen Ebene: „Was steckt in diesem Menschen? Welche Fähigkeiten hat der? Verborgene Talente …“, sind Fragen, die wir stellen. Wir können den Perspektivwechsel anbieten, alles aus künstlerischer Sicht zu interpretieren. Vielleicht sogar noch einen Bruch zu schaffen: eine Art Irritation.

Irritation? Klingt mutig. Flucht- und Gewalterfahrungen verursachen erfahrungsgemäß oft ein Schutzbedürfnis und im schlimmsten Fall Abkapseln. Wie schaffen Sie es da, mit Ihren kulturellen Kooperationsprojekten, den geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu helfen, „anzukommen“?

Was dabei im Vordergrund steht, ist Spaß. Und wenn die Irritation: „Eh, was ist das denn?!“ überwunden ist, dann entsteht eine unglaublich schöne Energie, die viel möglich macht. Aber diese Öffnung sieht bei jedem anders aus. Manche sind gleich dabei, andere erst noch verschlossen, wollen vielleicht auch alles richtig machen – förmlich. Aber, wenn die Musik an ist und alle arbeiten und lachen, dann kann man dann schon weitergehen …

Musik?

Ja, wir haben beim Fotografie-Workshop immer Musik laufen und in der Aufwärmphase der Schauspielprojekte auch. Und wenn man sich für den Musikgeschmack der Jugendlichen interessiert, öffnen sie sich. Da gibt es dann viel Rhythmus und viel Lachen, das ist dann auch so ein Klick-Moment. Das funktioniert dann auch über die Körperarbeit …

Bedeutet: Körperarbeit als künstlerischer Ansatz ist erste Wahl?

Das ist einfach ein guter Anknüpfungspunkt, über den Körper in die Kunst zu gehen. Im Theater, in der Fotografie. Es  ist leichter als über die Geschichte. „Erzähl doch mal, was habt ihr so durchgemacht …“, das funktioniert nicht. Diese Auseinandersetzung  kommt erst mit der Zeit.

Das Projekt „Ankommen-Willkommen“ ist nun abgeschlossen, hat aber das Nachfolgeprojekt „I‘m here“ nach sich gezogen. Was sind die Konstanten in der Zusammenarbeit mit der Berufsschule, die das/die Projekt/e erfolgreich mach(t)en?

Zum einen, dass auch die Lehrerinnen den Jugendlichen vertraut haben und den Weg der Künstler*innen, „unbedarft, spielerisch an die Sachen rangehen“, mitgegangen sind. Erziehen, das ist nicht der Weg der Künstlerinnen. Wir glauben, dass ohne pädagogischen Zeigefinger andere Sachen möglich sind. Durch die Pädagoginnen haben wir einen konstanten Anknüpfungspunkt zur Schule und das Kollegium interessiert sich immer mehr für die Projekte. Für den Rektor der Allgemeinen Berufsschule sind die gemeinsamen Präsentationen der Projekte ein Highlight.

Und was macht das Ganze eher schwierig? Wo mussten Sie sich umstellen?

Inhaltlich mussten die Künstler ihre Arbeit teilweise anpassen. Schwierig ist neben der Sprachbarriere das kurze Schuljahr, also die Schulstrukturen, mit Praktika und anderen Unterbrechungen. Dann hat man  nur Zeit für zehn bis zwölf Proben. Schulstrukturen kann man aber leider nicht ändern. Eine Lösungsmöglichkeit hat sich darin aufgetan, dass die Jugendlichen jetzt eine fortführende Sprachklasse besuchen, und daran könnte man mit einer weiteren Zusammenarbeit anknüpfen. Letztes Jahr hat sich die Gruppe im Sommer komplett zerstreut.

Welchen Part können/sollten bei vergleichbaren Projekten die Kulturpartner übernehmen, was kann/sollte die jeweilige Partnerschule einbringen?

Was ich von der Partnerschule erwarte, ist diese Konstante, die Brücke zu den Jugendlichen zu schlagen und sie zu begleiten. Denn wenn da keine Bezugsperson wie die/der Lehrer/in ist, ist zunächst eine Hemmschwelle da. Wenn das Projekt erst mal läuft, kann der/die Künstler/in gut mit den Geflüchteten arbeiten. Wir sorgen dann für Raum, Künstler*innen, Finanzen und vernetzen das Ganze mit anderen Kooperationspartnern.

Kontinuität wird oft als bedeutende Voraussetzung für Teilhabegerechtigkeit genannt. Das funktioniert nun aber bei den Vorbereitungsklassen, die sich oftmals nach einem Jahr auflösen nicht. Was macht man denn jetzt damit?

Selbst wenn man diese Kontinuität nicht gewährleisten kann, bringt es doch sehr viel. Man kann hier den Jugendlichen ein paar Monate eigenen Raum bieten. Die Jugendlichen sind sonst überfrachtet mit Behördengängen und Organisatorischem. Und wenn sie dann Lob für ihre Fotoausstellung und Applaus für ihre Aufführung bekommen, ist das sehr wertvoll. Das ist Anerkennung, die nachhaltig in Erinnerung bleibt.

1355 mal gelesen


nach oben | zurück
Diversität anerkennen
Inklusion umsetzen
Zusammenhalt stärken
Seite drucken | PDF der Seite erstellen | Seite empfehlen deliciousWhatsapp | Kontakt | Sitemap | Impressum | Datenschutz