KOOPERATIONEN UND
BILDUNGSLANDSCHAFTEN

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/// Dreiklang: Kulturkooperation – Partizipation – Ganztagschule



Finger heben oder mitgestalten? Partizipation von Schüler*innen in und mit Schule wünschen sich viele, Lehrer*innen wie auch Kulturpartner. Aber, was genau verstehen sie darunter? Wie sieht es aus mit dem Dreiklang „Kulturkooperation – Partizipation – Ganztagschule“? Wir diskutieren das mit Prof. Dr. Ivo Züchner. Er ist Professor für außerschulische Jugendbildung an der Philipps-Universität Marburg und Mitautor der Expertise „Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Ganztagsschulen“. Verzicht bringt uns weiter, sagt er.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Ivo Züchner

Wenn Schüler*innen auf hohem Partizipationsniveau mitgestalten, schlagen die Herzen von Kulturpartnern meist höher. Ergebnisoffenheit ist für sie kein Problem, für Lehrer*innen schon eher …

Züchner: Ich denke, da wird ein bisschen überschätzt, was Lehrer*innen abfragen müssen. Ich glaube nicht, dass man das nicht auch partizipativ hinbekommen kann. Wir sehen das schon, dass die jüngeren Lehrer*innen ihren Unterricht eher partizipativ gestalten. Es hat sich auch in der Ausbildung dahingehend einiges geändert. Die neue Schulforschung betont die Rolle der Eigenständigkeit, der Projektarbeit sehr stark und sagt: Das ist viel effektiver, als wenn nur Frontalunterricht stattfindet. Selbst die Curricula sind immer mehr auf partizipative Lernprozesse ausgerichtet. Das ist also insgesamt eher eine Frage der didaktischen Aufarbeitung. Da fehlen vielleicht die methodischen Ideen.

Für außerschulische Bildungspartner gehört die Partizipation von Kindern und Jugendlichen zu den zentralen Leitprinzipien. Schaut man genauer hin, erreichen aber auch hier längst nicht alle ein hohes Maß an Partizipation in ihren Aktivitäten …

Züchner: Ganz bestimmt! Zum Beispiel, wenn man sich die klassische, eher ergebnisorientierte Musik- oder Jugendkunstschule anguckt. Längst nicht alles, was im kulturellen Bildungsbereich funktioniert, ist auf Partizipation ausgelegt. Zwischen Bandprojekt und Geigenunterricht gibt es eine Riesendiskrepanz darin, welche Eigenleistung der Kinder und Jugendlichen mit einfließt. In der kulturellen Bildungsarbeit ist der Partizipationsanteil eben nicht automatisch größer. Wenn ich mir die Konzepte, Programme und Methoden ansehe, würde ich aber sagen, dass vieles darauf orientiert ist, die Partizipation stärker zu machen.

Nun bieten sich den „externen“ Partnern auch andere Möglichkeiten, da sie dem System Schule nichts schuldig sind … Lassen sich hier gemeinsam neue Partizipationsräume entdecken, in multiprofessionellen Teams?

Züchner: Bei der Kulturellen Jugendarbeit fragen wir: „Was wollen denn die Kinder?“, wogegen die Frage „Wo wollen wir eigentlich hin?“ eine eher lehrerbezogene ist. Beides ist natürlich notwendig, um ein gemeinsames Ergebnis zu bekommen. Klassischerweise ist es aber auch selten so, dass ein/e Lehrer/in mit einem Kulturpartner direkt in der Schule kooperiert. Meistens ist vormittags Unterricht und nachmittags gibt es Angebote. Das Wunschziel wäre, dass Lehrer*innen und Kulturpartner sich zusammensetzen, Ziele formulieren und Methoden besprechen. Über den inhaltlichen Austauschprozess findet man dann auch die gemeinsame Mitte. Reden über Partizipation käme dann im zweiten Schritt. Meistens scheitert es aber schon am ersten.

Das Ziel ist, beteiligungsorientierte Projektformate in und mit Schule zu realisieren. Von welchen Heiligen Kühen müssen sich Schulen und Kulturpartner wohl jeweils trennen, damit das gelingt?

Züchner: Für wirkliche Kooperation, muss man auf etwas Selbständigkeit teilweise verzichten. Irgendwo muss ich da einen Schritt zurücktreten. Da tun sich Schule und auch einige in der Kulturellen Bildung schwer. Bei den außerschulischen Bildungspartnern ist eine der Heiligen Kühe das Thema der Freiwilligkeit: Natürlich ist Schule nur bis zu bestimmten Grenzen freiwillig, im Rahmen des Unterrichts und auch im Rahmen des Ganztagsangebotes. Die Schule ihrerseits muss mit aufwendigeren Abstimmungsprozessen rechnen, wenn sie sagt: „Ich nehme den Bildungspartner nicht nur als Dienstleister in Anspruch, sondern ich will mit dem kooperieren.“ Ich glaube, die Schulen sind im Hinblick auf die kulturelle Jugendarbeit und mit wem sie kooperieren aber ganz zufrieden. Oftmals handelt es sich jedoch eher noch um ein Nebeneinander, weil man nichts abgibt.

Es heißt, man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind erfolgreich aufzuziehen. Wenn die Kinder nun aber einen erheblichen Teil ihrer Zeit in der Schule verbringen – muss dann das ganze Dorf sozusagen in die Schule ziehen?

Züchner: Also, wir wissen nach zehn Jahren Ganztagsschule, dass wir maximal ein Drittel aller Schüler*innen in der Sekundarstufe der Ganztagsschule erreichen. Ich finde das aber eine spannende Idee, zu sagen: „Wir haben Ganztagsschule als Ganztagsbildung.“ Ganztagsschule ist insofern ein Gewinn, als dass die Bildungspartner durchaus auch Kinder aus nicht so ressourcenstarken Familien erreichen. Das zeigen auch all unsere Studien. Ich sehe das zweischneidig: einerseits eben als Riesenchance … andererseits ist es auch wichtig, dass Kooperationen nicht immer in der Schule stattfinden. Manchmal eröffnet ein Ort außerhalb der Schule neue Bildungschancen. Es finden daher bereits ein Drittel aller Kooperationen außerhalb der Schule statt. Es können so auch Schulveranstaltungen im örtlichen Sportverein oder der Jugendkunstschule stattfinden – und so erschließen sich die Kinder oder Jugendlichen das „Dorf“.

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