KOOPERATIONEN UND
BILDUNGSLANDSCHAFTEN

 BKJ    Weitere Aktivitäten im Fachbereich Kooperationen und Bildungslandschaften



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/// MIXED UP Kooperationen von Schule und kulturellen Bildungspartnern



14.10.2014 - Prof. Dr. Gerd Taube über zehn Jahre MIXED UP Wettbewerb sowie die Anforderungen und Entwicklung von Projekten und Modellen der Zusammenarbeit zwischen Trägern der Kulturellen Bildung und Schulen

Voll daneben oder doch eher über Kreuz?  

Die Verbindung von wissenschaftlicher Analyse und innovativer Praxisforschung für eine wirksame Feldentwicklung für kulturelle Teilhabe von Kindern und Jugendlichen ist ein wichtiges Prinzip in der Arbeit der BKJ. Prof. Dr. Gerd Taube vereint diese in seiner Person, er ist zum einen Honorarprofessor am Institut für Jugendbuchforschung der Universität Frankfurt, leitet zum anderen seit 1997 das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland in Frankfurt am Main und ist Künstlerischer Leiter der nationalen Biennale des Theaters für junges Publikum "Augenblick mal!" in Berlin. Die Arbeit der BKJ begleitet er seit fünfzehn Jahren und hat MIXED UP starten sehen. Kultur-macht-Schule-Reporterin Babette Braun wollte von ihm wissen:

MIXED UP ist nun zehn Jahre alt, käme im schulischen System also in die weiterführende Schule ... ein sensibler Übergang. Aber erfreulicherweise lag MIXED UP, was solche Systeme angeht, ja von Natur aus "daneben" – oder doch eher über Kreuz, also "damit"?

Naja, der MIXED UP Wettbewerb und auch die damit verbundene Fachstelle "Kultur mach Schule", die wir bis zum letzten Jahr in Remscheid geführt haben, die haben natürlich mehr oder weniger diese Ganztagsschulentwicklung begleitet. Ich sehe das schon so, dass wir versucht haben, draufzugucken. Mit der MIXED UP Akademie haben wir natürlich auch an verschiedenen Stellen eingegriffen oder zumindest Angebote zum Eingreifen in das System Schule gemacht. Mit der Fachstelle haben wir dabei für das Eingreifen beraten. Aber im Prinzip ist das schon eine Entwicklung parallel und begleitend zu der Ganztagsschulentwicklung.

Aber die beiden Ebenen haben sich doch immer wieder miteinander verknüpft ...

Ja, klar. Die Verbindungslinien sind selbstverständlich immer die einzelnen Projekte, die beispielsweise für den MIXED UP Preis vorgeschlagen werden. Jedes einzelne Beratungsgespräch der Fachstelle ist letztendlich auch so ein Verbindungspunkt zu dem System Schule gewesen. Aber man darf nicht vergessen: Die Kooperationen selbst passieren vor Ort – nicht auf der Ebene der BKJ. Wir begleiten diese Entwicklung kritisch und versuchen, zum Beispiel durch den MIXED UP Preis, Anreize zu schaffen für Kooperationen. Aber, das System Schule werden wir damit nicht grundsätzlich verändern. Ich denke schon, dass wir da eher eine begleitende Funktion haben.

MIXED UP war ein früher Vogel. Nach der Einführung der Ganztagsschule und dem Start des ersten BKJ-Modellprojektes "Kultur macht Schule" 2004, startete 2005 MIXED UP. Von Beginn an eine Kooperation mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Worin lag und liegt der "Zauber" dieser Verbindung?

Ob das ein Zauber ist – weiß ich jetzt nicht (lacht). Aber es ist für uns etwas ganz Wesentliches, dass der MIXED UP Preis im Bereich der Jugendpolitik angesiedelt ist. Dadurch, dass der Preis von der Bundesjugendministerin ausgelobt und vergeben wird, bekräftigt das Ministerium, dass auch die Jugendpolitik Verantwortung hat für gelingende Kooperationen zwischen außerschulischer kultureller Kinder- und Jugendbildung und Schule.

Und welche Akzente konnte man so gemeinsam setzen?

Also, da müsste man ja jede einzelne Kooperation betrachten. Da komme ich jetzt mal eher zu Schwerpunkten, die ich in dem Wettbewerb sehe. Davon ist einer: Projekte, die nachhaltig sind, eine längere Laufzeit haben und auch über den Projektzeitraum hinaus wirken. Das können dann Anschlussprojekte sein oder Initiativen, die aus solchen Kooperationen erwachsen. Im besten Falle hat sich etwas an den Einstellungen sowohl der Schülerinnen und Schüler als auch der Lehrerinnen und Lehrer verändert. Die außerschulischen Partner verstehen danach das System Schule vielleicht auch einen Tick besser. Das macht Haltungsänderungen leichter. Wenn Menschen mit Menschen arbeiten, erfahren sie einfach mehr, als wenn sie versuchen, sich Verständnis für das andere System anzulesen. Das ist für mich ein ganz wesentlicher Akzent und Schwerpunkt. MIXED UP leistet einen guten Beitrag zu diesem grenzüberschreitenden Austausch.

Welche Weiterentwicklung des MIXED UP Wettbewerbs in diesen zehn Jahren ist für Sie die "hervorragendste" im doppelten Sinne?

Am Anfang sind die Kooperationen hauptsächlich bilateral gewesen und jetzt kann man mittlerweile eine Tendenz zu größeren Netzwerkprojekten beobachten. Es werden neben Kultur und Schule noch weitere Partner einbezogen, die aus der lokalen Wirtschaft kommen können. So wird ein Bogen in eine weitere Lebenswelt geschlagen, die in der beruflichen Zukunft der Jugendlichen eine große Rolle spielt. Das unterstützt die Herausbildung von lokalen Bildungslandschaften in dem Sozialraum, in dem Jugendliche leben.

Was hat es eigentlich mit dem MIXED UP Länderpreis auf sich, den es seit 2013 gibt?

Das ist ein Zeichen dafür, dass es uns gelungen ist, die Kultusministerkonferenz über unseren Preis zu informieren und die Ebene der Länder-Bildungspolitik einzubeziehen, zusätzlich zur Ebene der Bundes-Jugendpolitik. Nun vergeben wir gemeinsam mit einem Land einen Länderpreis, letztes Jahr mit Sachsen, dieses Jahr mit Berlin und wir haben auch schon Anmeldungen für die nächsten Jahre. Das ist also viel mehr, als nur "noch ein Preis".

Nun ging es bei der Preisverleihung immer wieder um Freiräume, die Jugendlichen geboten werden sollen, damit sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt werden und – auch im System "Ganztag" – ausreichend Möglichkeiten der Muße, der Selbstbestimmung und Mitgestaltung erhalten. Eine andere Forderung ist Nachhaltigkeit. Kommen die sich nicht mal schnell in die Quere, wenn die Jugend eben ihre Wechselhaftigkeit und Sprungkraft ausleben möchte?

Ich glaube nicht, dass das passiert, wenn Jugendliche an der Ausgestaltung von Kooperationen beteiligt werden. Das ist aufwendiger, aber vielleicht kommt man dann auf Ideen und Formate, die den Bedürfnissen besser gerecht werden, als das, was die Erwachsenen erfunden haben. Das ist eben das Problem von Freiräumen für Jugendliche – wirkliche selbstbestimmte Freiräume können Erwachsene für Jugendliche nicht schaffen, sondern müssen sie ihnen lassen. In einem Projekt muss es möglich sein, dass innerlich etwas mit den Jugendlichen passiert – das ist dann Nachhaltigkeit.

Was können da die MIXED UP Kooperationen tun?

Was wir tun, ist Rahmenbedingungen schaffen, von denen wir meinen, dass innerhalb dieser Rahmenbedingungen Selbstbestimmung möglich ist. Da ist Mitbestimmung ein ganz wesentlicher Punkt. Dazu gehört auch, dass man als Erwachsener weiß, dass man nun mal die Macht hat und versucht, verantwortungsbewusst damit umzugehen.

Andererseits könnte das System "Ganztag" doch auch helfen, dass Freiräume nicht zu "Verlorenheiten" werden. Ich nenne in diesem Zusammenhang Stichworte wie Migration, Digitalisierung und Atomisierung der Gesellschaft. Oder?

Verlorenheit würde ich das gar nicht nennen, eher Rat- und Orientierungslosigkeit, was die vielen Optionen betrifft und die Frage nach der richtigen Entscheidung. Da übernehmen wir in der Kulturellen Bildung eben auch Verantwortung, indem wir Angebote machen. Was der Ganztag und in dem Zusammenhang Freiräume mit Kultureller Bildung leisten können, das ist, glaube ich, schon so eine Orientierung.

Es wird den kulturellen Trägen manchmal sogar ein Buhlen um die Schulen unterstellt. Manchen Lehrern ist das einfach auch alles zu viel, die wollen in Ruhe gelassen werden und ihre Arbeit tun ...

Ein "Geschmäckle" in Bezug auf kulturelle Angebote außerschulischer Partner in Schule bleibt – so lange es da nicht ein besseres Aufeinanderhören und Aufeinanderzugehen gibt. Was es braucht, ist echtes Interesse am anderen. Abgrenzungsbestrebungen müssen an dieser Stelle aufhören. Der MIXED UP Preis zeigt hier, was gelingt, aber es gibt noch sehr viel zu tun.

Bedeutet das nun, dass das System Ganztag auch Freiräume schafft ...

Ja, ja, das ist für mich immer eine Grundvoraussetzung, deswegen kooperieren wir auch mit Schule. Es gibt ja immer zwei Begründungslogiken, was solche Kooperationen mit Schule betrifft. Die bösartige Begründung lautet: "Die außerschulischen Partner und Künstler müssen Geld verdienen und gehen deswegen in die Schule." Habe ich grade gestern wieder gehört. Die gutartige Begründung lautet: "Man erreicht in der Schule alle Kinder und Jugendliche und wird damit dem Auftrag aus der Perspektive der Kinder- und Jugendpolitik am ehesten gerecht."

Und was stimmt nun?

Es ist an beiden Perspektiven etwas dran. Wobei die Perspektive: "Wie erreichen wir unser Klientel für kulturelle Kinder- und Jugendarbeit?" zwar schon realistisch, aber auf keinen Fall akzeptabel ist, wenn die Kinder und Jugendlichen damit zu Objekten werden. Also, statt: "Wer darf mit denen was machen?!" Sollte eher die Frage im Vordergrund stehen: "Was machen wir dagegen, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr die Möglichkeit haben, unsere Angebote zu nutzen?" Und da bietet die Ganztagsschule Chancen.

Sie haben mal gesagt: "Kulturelle Bildung ist eine gemeinsame Suchbewegung, ein Prozess der Aneignung" ...

Ja, weil immer alle behaupten, sie wüssten, was Kulturelle Bildung sei. Das tun wir und ich höre das von der Lehrerschaft auch. Damit kann man nur scheitern. Weil man dann sofort in die Verteidigungshaltung kommt. Der Weg kann nur sein, in einem gemeinsamen Prozess herauszufinden, was Kulturelle Bildung sein könnte.

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