KOOPERATIONEN UND
BILDUNGSLANDSCHAFTEN

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/// Kompetenznachweis Kultur wird 10



27.05.2014 - Inwiefern der Kompetenznachweis Kultur dem Balanceakt zwischen Theorie und Praxis gerecht wird, berichten vier frisch eingestiegene oder in Ausbildung befindliche Kompetenznachweis Kultur-Beraterinnen

Passt er denn? – Einblick in den Schulalltag mit KNK

Feine Sache, so ein Bildungspass wie der Kompetenznachweis Kultur (KNK) – oder? Im Sinne seiner Erfinder wird er an Jugendliche ab zwölf Jahren vergeben. Voraussetzung: Die Jugendlichen müssen aktiv an künstlerischen und kulturpädagogischen Angeboten teilnehmen. Der KNK ist dann ein Nachweis darüber, welche individuellen, personalen, sozialen und methodischen Kompetenzen Jugendliche dabei gezeigt und weiterentwickelt haben. Und wie funktioniert so was im Rahmen des Schulalltags? Wir haben nachgefragt!

Beim Kompetenznachweis Kultur soll zwischen dem/r Anleiter/in und den Jugendlichen ein zeitlich begrenzter, intensiver Austausch entstehen. Inhalt: die individuellen Stärken, Lernerfahrungen und Wirkungen des eigenen künstlerischen Tuns. Die Jugendlichen wählen Kompetenzen, deren Entwicklung sie während des Projektes verbessern oder gewinnen möchten. Sie führen Projekttagebücher und haben Beobachtungsgespräche mit den Anleiter*innen der Projekte, die von entsprechenden Fortbildungsbeauftragten zu Kompetenznachweis Kultur-Berater*innen ausgebildet werden. An Schulen ist die Erarbeitung des stärkenorientierten Kompetenznachweises nur in Kursen und Projektformaten möglich, in denen zumindest für den Zeitraum des KNK-Projektes keine Noten vergeben werden.  

Soweit die Theorie - und die Praxis? Aus dieser berichten nun vier frisch eingestiegene oder in Ausbildung befindliche Kompetenznachweis Kultur-Beraterinnen.  

Berit Korneffel:

  • Lehrerin
  • Realschule
  • KNK-Beraterin seit 2 Jahren

Daniela Feldmann:

  • Lehrerin
  • Förderschule
  • KNK-Beraterin seit einem ¾ Jahr

Imke Voigt:

  • Lehrerin und Theaterpädagogin
  • Gesamtschule
  • KNK-Beraterin in Ausbildung

Janina Sendler:

  • Lehrerin
  • Weiterbildungskolleg
  • KNK-Beraterin seit 1 ½ Jahren  

 

Einbettung in den Schulalltag

Wie sieht bei Ihnen die Schulsituation aus – hinsichtlich der Einbettung des KNK-Projektes?  

  • Berit Korneffel: Dieses Jahr begleite ich ein Theaterprojekt innerhalb einer AG. Bei mir ist die Situation so, dass die älteren Schülerinnen und Schüler gerade ihren KNK gemacht haben. Die Kleinen sind noch zu jung, darum hänge ich gerade so ein bisschen dazwischen. Meine Kollegin hat parallel eine KNK-Projekt-AG laufen, das Thema ist da Mediengestaltung im visuellen Bereich.
  • Daniela Feldmann: Wir haben ein AG-Angebot. Im Bereich Theater habe ich den KNK angegliedert.
  • Imke Voigt: Wir haben einen Projektkurs in der Oberstufe, der wird im ersten halben Jahr nicht zensiert. Das ist ein Kurs im Bereich Theaterarbeit. Wir haben auch einen Literaturkurs in der 13. Und dann haben wir noch eine Projektwoche.
  • Janina Sendler: Im Moment bin ich in Elternzeit, eine Künstlerin macht an unserer Schule ein KNK Projekt und ich bin zusätzlich da. Da gibt es dann gar kein Problem mit Stundenanzahl und Einbettung.

In welcher Projektform wenden Sie den Kompetenznachweis Kultur an?  

  • Berit Korneffel: Da ich aus dem Theaterbereich komme, sind es meistens Theaterprojekte und Performances als AG. AG’s finde ich besonders geeignet, weil da eben alle Altersstufen gemischt werden können. Wenn Projekte im Schulalltag integriert sind, dann sind sie eben ausschließlich für eine Jahrgansstufe.
  • Imke Voigt: Wir haben die Projekte in den Unterrichtsfächern und zudem noch AGs.
  • Janina Sendler: Das läuft zum einen rein in Projektform, völlig außerunterrichtlich. Eine andere Form haben wir mit einem Literaturkurs ausprobiert. Da haben wir Studierende, welche Interesse am KNK hatten, von ihrer Benotung für einige Wochen befreit und dann eben nur den KNK vergeben.    

 

Umfang der KNK-Projekte

Berit Korneffel:

  • Schuljahr
  • 2 Schulstunden in der Woche
  • + Projektwoche

Daniela Feldmann:   

  • Halbjahr
  • 2 Schulstunden pro Woche
  • + Theaterwochenende

Imke Voigt:   

  • Halbjahr
  • 2 Schulstunden pro Woche

Janina Sendler:   

  • Halbjahr
  • 2 Schulstunden pro Woche  

 

Kompetenzen – Arbeitshilfe - Grenzen

Um die Entfaltung welcher Kompetenzen geht es in Ihren Projekten meistens?  

  • Berit Korneffel: Was die Kinder am Schluss gesagt haben, war halt wirklich dieses, dass wir eine Familie sind, dass sie sich geborgen fühlen und in dem Rahmen keine Angst haben, zu zeigen, wer sie sind.
  • Daniela Feldmann: Letztendlich geht es um die Empathie-Fähigkeit bei den Schülerinnen und Schülern. Durch das lockere Spiel beim Theater haben sie die Chance, in Rollen einzutauchen und dementsprechend auch zu lernen, andere besser in ihren Handlungsweisen nachzuvollziehen.
  • Imke Voigt: Oftmals geht es um mehr Selbstsicherheit, Offenheit oder Teamfähigkeit. Viele haben aber auch überhaupt den Zugang zur Kultur bekommen.
  • Janina Sendler: Durchhaltevermögen, Kommunikationsfähigkeit und Eigeninitiative. Das sind eben Problemfelder bei uns mit unseren Studierenden. Die haben eben schon Brüche und Scheitern erfahren, auf dem ersten Bildungsweg. Wir haben eine hohe Abbruchquote bei uns an der Schule und es ist ein großer Erfolg, Eigeninitiative herauszukitzeln.

Was waren Ihre eigenen Beweggründe, Kompetenznachweis Kultur-Beraterin zu werden?  

  • Berit Korneffel: Ich bin da angemeldet worden, finde es jetzt aber auch wirklich sinnvoll. Da ich nicht aus dem klassischen Schulbereich komme, finde ich es eh schwer, Schülerinnen und Schüler mit Noten zu beurteilen. Beim KNK sagt man dann: "In diesem Zeitraum hast du das und das gelernt, bist selbstbewusster geworden und kannst jetzt laut sprechen." Das hat mich motiviert, beim KNK mitzumachen, eben ein anderes Kriterium zu gewinnen, um Schülerinnen und Schülern auch mal ihre Stärken zu zeigen.
  • Daniela Feldmann: Ich fand es schade, dass das AG-Angebot "nur" ein AG-Angebot war. Unsere Schülerinnen und Schüler haben meistens Probleme mit dem Lernen und konnten so gar nicht zeigen, was in ihnen steckt.
  • Imke Voigt: Ich finde, das ist noch mal eine ganz tolle Möglichkeit, den Schülerinnen und Schülern ein ganz anderes Feedback zu geben. Weil es hier eben positive Feedbacks gibt.
  • Janina Sendler: Ich kannte das Problem, dass unsere Studierenden Dinge abbrechen und wenig Selbstvertrauen haben. Der KNK gibt die Möglichkeit, deren Stärken bewusst zu machen und Synergieeffekte in allen Lebensbereichen zu nutzen.

Der Kompetenznachweis Kultur soll als Nachweisinstrument für Stärken der Schülerinnen und Schüler dienen, als Qualifizierungsinstrument und als Dokumentation von Bildungsqualität. Lässt sich das alles in der Praxis an Schulen auch so umsetzten?  

  • Berit Korneffel: Also, was er leisten kann, ist die Momentaufnahme der Entwicklung eines Einzelnen. Außerdem bringt er allen die nach der Schule von Arbeitgebern als wichtig erachteten "Softskills" ins Bewusstsein.
  • Daniela Feldmann: Grenzen sind gesteckt durch die Organisation als Solches. Ich bin an unserer Schule die einzige KNK-Beraterin. Daher ist die Auswahl nicht so groß, der künstlerische und der musikalische Bereich bleiben außen vor.
  • Imke Voigt: Irgendwie finden wir immer Wege, auf denen das alles funktioniert. Grenzen sind dann eher organisatorische, wie man das Ganze zeitlich einbindet, weil es so viele zentrale Prüfungen gibt.
  • Janina Sendler: Ich finde, er ist zu wenig kontinuierlich. Im Prinzip müsste ich in jedem Semester einen KNK vergeben. Die Begleitung dürfte eigentlich gar nicht unterbrochen werden und sollte die gesamte Schulzeit unserer Studierenden andauern.  

Akzeptanz durch Kollegen und Schülerschaft Wirkt der KNK als unterstützendes Instrument auf dem Weg zu neuen Lern- und Lehrformen? Gelingt es, auch das Kollegium ins Boot zu holen?  

  • Berit Korneffel: Ich arbeite ja nicht alleine, sondern immer mit Kollegen zusammen und da haben wir schon einige mit ins Boot genommen. Der KNK wird schon akzeptiert. Zumal dieses Mittel der Selbstreflexion im KNK ja auch Wirkung auf die Eigenwahrnehmung der Projektbegleiter hat.
  • Daniela Feldmann: Anfangs, als ich mein Interesse für den KNK vorgestellt habe, gab es so ein Raunen: "Na ja, unsere Schüler, können die das denn erreichen…" Es war ein bisschen ein leichtes Belächeln. Aber mit der ersten Übergabe von KNK-Zertifikaten an die Schülerinnen und Schüler ist den Kolleg*innen klarer geworden, was das mit denen macht. Eben eine Auszeichnung entgegennehmen und selber benennen können, was sie gemacht haben und was es mit ihnen gemacht hat.
  • Imke Voigt: Da wir schon länger kulturell arbeiten und ein kulturelles Profil ausarbeiten, sind die Kollegen sowie Schülerinnen und Schüler eigentlich schon offen. Für den KNK haben sich gleich fünf Kollegen engagiert. Wir merken das auch immer bei den Anmeldungen, dass unser Angebot auf dem Bereich ein wichtiges Kriterium für die Wahl der Schule ist. Man kriegt aber nicht immer alle Kollegen ins Boot.
  • Janina Sendler: An unserer Schule ist auf jeden Fall bei Kollegen und dem Schulsozialarbeiter das Interesse geweckt.

Bringt der KNK Anerkennung für Nebenfächer? Oder wird er als Notenersatzsystem verstanden und belächelt?  

  • Berit Korneffel: Jein. Es gibt immer solche und solche. Es sind dann aber so Sachen wie, dass alle Kinder aus einer schwierigen Klasse sich in den Hauptfächern verbessern, wenn sie an einem Theaterprojekt teilnehmen, die Anerkennung bringen. Ich kann das dann sozusagen belegen.
  • Daniela Feldmann: Das Belächeln ist jetzt weg und die Anerkennung gestiegen.
  • Imke Voigt: Die Nebenfächer bekommen Anerkennung, weil die Ergebnisse der Projekte ja meistens öffentlich präsentiert werden. Es gibt auch den einen oder anderen Lehrer, der sagt, dass sich ein Schüler unter dem Einfluss des Projektes verändert hat; auch in Mathe oder Deutsch zuverlässiger geworden ist.
  • Janina Sendler: Belächeln? Auf keinen Fall. Es ist schon so, dass Kulturelle Bildung ernst genommen wird.

Wie reagieren die Schülerinnen und Schüler auf die Prozesse innerhalb eines Projektes im Rahmen des KNK? Was gefällt ihnen daran besonders gut? Was kommt nicht so gut an?  

  • Berit Korneffel: Also, diese Gespräche sind eine Hemmschwelle für die Schülerinnen und Schüler. Wogegen die Tagebücher, die sie führen, zu echten Kunstwerken angeregt haben, da haben sie Erstaunliches aufgeschrieben. Das Gespräch empfinden sie als Prüfungssituation. Vielleicht sollte man das außerhalb der Schulräume führen.
  • Daniela Feldmann: Das Tagebuchschreiben ist nicht sehr reizvoll für viele Schülerinnen und Schüler. Aber es gibt dann eine Entwicklung, von Abwehr zu später mal nachlesen, was man vor Wochen dachte. Somit wird die eigene Entwicklung noch mal bewusst. Das ist auch mit den Gesprächen so: Anfangs haben sie große Augen, was da jetzt kommt und später sieht man dann, wie konkret sie in diese Beobachtung gehen und selbst reflektieren.
  • Imke Voigt: Schwer fällt ihnen das Buchführen über das, was sie gemacht haben. Da muss man im Jahrgang 8 schon sehr dahinter her sein, dass sie das wirklich machen. Das positive Feedback gefällt ihnen sehr gut und dass sie zwischen den Kompetenzen, die beobachtet werden sollen, wechseln können. So können sie Schwerpunkte selber setzen.
  • Janina Sendler: Die Dialogphasen finde ich hervorragend und merke auch, dass sie den Studierenden gut tun. Auch wenn sie zunächst etwas Angst davor haben.  

 

Außenwirkung

Gibt es Rückmeldungen, z. B. aus Vorstellungsgesprächen für Praktika oder Ausbildung, dass der KNK hier Eindruck macht oder weiterhilft?  

  • Berit Korneffel: Also, ein Schüler hat sich an weiterführenden Schulen erst ohne KNK beworben und wurde abgelehnt. Als er dann aber den KNK nachgereicht hat, wurde er an vier Schulen genommen.
  • Imke Voigt: Da weiß ich nur von einigen Schülerinnen und Schülern aus der Oberstufe, die sich bewerben, dass ihre möglichen Arbeitgeber gesagt haben, sie würden das dann auch gerne haben.

Finden die Schülerinnen und Schüler den Bildungspass, der am Ende des Prozesses steht, hilfreich und erstrebenswert?  

  • Berit Korneffel: Sie haben an den KNK schon hohe Ansprüche und diskutieren dann auch, ob man den bekommen darf, wenn man oft fehlt. Die sind schon stolz darauf.
  • Daniela Feldmann: Anfangs konnten sie sich nichts darunter vorstellen, aber in der Entwicklung wird ihnen bewusst, welche Chancen darin liegen, zum Beispiel, wenn man sich um einen Praktikumsplatz bewirbt.
  • Imke Voigt: Ja, absolut erstrebenswert. Für viele Oberstufenschüler war das ein Anreiz, beim KNK mitzumachen, weil sie ihre Kompetenzen bescheinigt bekommen – und damit können sie sich auch gut bewerben.
  • Janina Sendler: Ja, eindeutig! Ganz einfach, weil die Formulierungen darin Balsam sind für unsere Schüler, die solche Formulierungen nicht kennen.  

 

Weiter so?

Gibt es Dinge im Prozess des KNK, die für Sie überdenkenswert sind – vielleicht sogar veraltet?

  • Berit Korneffel: Ich tu mich so ein bisschen schwer mit diesem Beobachtungsbereich. Der ist so dogmatisch aufgebaut: wie und in welcher Form die Gespräche laufen müssen. Da würde ich mir mehr Freiraum wünschen. Zu manchen Schülerinnen und Schülern passt das nicht, sich zum Gespräch hinzusetzen. Und: Ich beobachte die ja schon so die ganze Zeit …
  • Daniela Feldmann: Das Einzige, was ich bei meinen acht Schülerinnen und Schülern beobachten konnte, war: Das ist einfach alles sehr arbeitsintensiv; zum Beispiel die Berichte. Viele Kollegen sträuben sich dagegen.
  • Imke Voigt: Im Moment ist es ja so angelegt, dass man die Projekte selber durchführen muss, um den Kompetenznachweis zu vergeben. Ich glaube, was vielleicht hilfreich wäre, wäre, wenn man gleichzeitig auch ein Projekt begleiten kann. Ein Kollege führt durch, ein anderer Berater kommt begleitend hinzu.

Welche Tipps hätten Sie für die Fortbildung zur/m Kompetenznachweis Kultur-Berater/in?

  • Berit Korneffel: Wir haben bei der Ausbildung ziemlich theoretisch miteinander gearbeitet, ich fände es gut, wenn das praxisbezogener wäre.
  • Daniela Feldmann: Noch eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Verfassen der Zertifikate. Gerne auch als Zwischentreffen nach der Ausbildungsrunde, auch, um sich mit Kollegen zu vergleichen.
  • Imke Voigt: Ich finde es eigentlich gut so, wie es ist. Es macht viel Arbeit, aber auch Spaß.
  • Janina Sendler: Vielleicht ganz praktische Dinge. Also, so was wie Videomitschnitte aus einzelnen Phasen von Projekten, damit man sehen kann, wie es laufen kann.
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