KOOPERATIONEN UND
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/// Balance zwischen schulischer und außerschulischer Bildung



11.12.2013 - Mit reitenden Boten die Balance halten. Das ist eine Empfehlung, die Jana Schröder, Leiterin der Geschäftsstelle des Zentrums Eigenständige Jugendpolitik, für das Zusammenspiel von Schule und außerschulischen Bildungsorten weitergibt

Erfolg durch reitende Boten und Kenntnisse über das jugendliche Wohlbefinden

Das Kultur macht Schule-Team fragte Jana Schröder, Leiterin der Geschäftsstelle des Zentrums Eigenständige Jugendpolitik, nach der neuen Broschüre "Das Wohlbefinden Jugendlicher in Schule und außerschulischen Lern- und Bildungsorten" des Zentrums und hatte den einen oder anderen Aha-Moment...

In der neuen Broschüre des Zentrums Eigenständige Jugendpolitik "Das Wohlbefinden Jugendlicher in Schule und außerschulischen Lern- und Bildungsorten" ist die Rede vom "well-being" von Jugendlichen. Und auf der Internetseite des Zentrums steht: "Unsere Gesellschaft braucht die Jugend – ihre Ideen, ihr Engagement und ihre Potenziale. Und Jugendliche brauchen in dieser entscheidenden Zeit ihres Lebens die Unterstützung und Anerkennung der Gesellschaft. Nur mit den richtigen Rahmenbedingungen können sie ihr Leben selbstbestimmt gestalten und mit Zuversicht in die Zukunft blicken." Damit das Anliegen der Eigenständigen Jugendpolitik gelingt, muss aber klar sein, dass man da niemanden über die Straße bringt, der gar nicht will. Bedeutet: Die Jugendlichen müssen mitgehen wollen. Das Kultur macht Schule-Team fragte sich: Steckt das hinter den Empfehlungen, die vom Konzept des "well-being", des Wohlbefindens, abgeleitet werden? Jana Schröder, die Leiterin der Geschäftsstelle des Zentrums Eigenständige Jugendpolitik, antwortete darauf so:    

Ein bisschen schon. Es geht allerdings nicht nur darum, dass Jugendliche mitgehen wollen, sondern auch darum, dass schulische und außerschulische Bildungsorte ihr Handeln und ihr Zusammenwirken von den Bedürfnissen der Jugendlichen aus denken. Also, dieses Well-Being-Konzept ist der Versuch, das Wohlbefinden der Jugendlichen zu operationalisieren in dem Sinne: "Was genau gehört zum Wohlbefinden von Jugendlichen dazu und was können Bildungsorte konkret dafür tun, dass dieses Wohlbefinden steigt?"  

Und Sie haben nun eine Antwort auf das "well-being", welches Eltern und Pädagog*innen ein ewig wiederkehrendes Rätsel ist? Was ist also notwendig, damit Jugendliche sich wohl fühlen?

Naja, unsere Expertengruppe, die die Empfehlungen erarbeitet hat, hat ziemlich genau beschrieben, was das Wohlbefinden von Jugendlichen ausmacht, was also die Dimensionen des Wohlbefindens sind. Da geht es zum Beispiel um Beziehungsqualitäten und Freiräume. Es geht auch darum, Selbstwirksamkeit zu erfahren, in dem Sinne, dass es etwas ausmacht, ob man da ist oder nicht. Mit Blick auf die Freiräume appelliert die Expertengruppe an die schulischen und außerschulischen Bildungsträger und Systeme, dass im Rahmen ihrer Angebote und ihres Zusammenwirkens solche Freiräume möglich werden. So wird gefordert, dass auch in der Schule um die unterrichtlichen Bildungsangebote herum möglichst viele Freiräume vorhanden sind, diese möglichst im Schulkonzept vorgesehen sind und von den Jugendlichen gestaltet und genutzt werden können.  

Die BKJ stützt ihre Arbeit auf die Überzeugung, dass Angebote der Kulturellen Bildung mit Blick auf ein Aufwachsen in Zuversicht einen bedeutsamen Beitrag leisten können. Gehen Sie da mit?

Ja, durchaus! Wir würden zwar nicht nur auf die Angebote der kulturellen Jugendbildung fokussieren. Aber selbstverständlich hat der Bereich der kulturellen Jugendbildung hier besonders viel beizutragen. Das gilt für die Vermittlung von Zuversicht ebenso wie für das Erleben von Erfolgen und Selbstwirksamkeit: "Es macht etwas aus, ob gerade ich hier mitmache oder nicht." Dieses Erleben ist besonders in der kulturellen Jugendarbeit möglich. Hier gibt es sehr weit entwickelte Methoden und Instrumente, das gehört zum Handwerkszeug quasi dazu. Wir wissen auch, dass der Bereich der kulturellen Jugendarbeit im Hinblick auf das Zusammenwirken mit der Schule besonders aufgeschlossen ist, ein grundsätzliches Verständnis von gegenseitiger Wertschätzung der beiden Systeme mitbringt.  

Sie fordern "Zeiten und Räume" für die Beziehungen der Jugendlichen an allen schulischen und außerschulischen Lern- und Bildungsorten. Wie stellen Sie sich diese idealerweise vor? Ist das dieser klassische Oberstufenraum…

Also, das sind durchaus Räume im physischen Sinn. Räume, die die Jugendlichen gemeinsam gestalten können. Es geht aber auch um Räume im Sinne von Zeit, Gestaltungsspielraum, Rückzugsmöglichkeiten und dergleichen. In Sachen Räume für Beziehungen hat Schule sicher weniger Möglichkeiten als der außerschulische Bereich. – Aber, sie kann sich bemühen, sie wenigstens nicht zu verhindern. Also: Schule kann zum Beispiel dafür sorgen, dass Klassen nicht ständig auseinandergerissen werden und auch dafür, dass Lehrerwechsel nicht allzu häufig stattfinden. Eben dafür sorgen, dass Beziehungen überhaupt erst aufgebaut und auch gepflegt werden können. Es geht auch darum, Lehrerinnen und Lehrern die Chance zu geben, ihre Schülerinnen und Schüler auch anders kennenzulernen, als nur im Unterricht – das funktioniert nur, wenn sie die Jugendlichen auch kontinuierlich begleiten dürfen.  

Typisch für das Leben von Kindern und Jugendlichen ist eine sehr kurzzeitige Lebensplanung und -empfindung. Sie leben sich durch Phasen von Interessen und Meinungen hindurch. Was denken Sie: Worin bestehen im Blick darauf aktuell die zentralen Herausforderungen, denen sich schulische und außerschulische Partner stellen müssen?

Ich glaube, man braucht einen stetigen Austausch mit den Jugendlichen, die so ihre aktuellen Bedürfnisse benennen können. Dafür braucht man sinnvolle und funktionierende Beteiligungsformen. Außerdem müssen Schulkonzepte ja nicht starr und unveränderlich formuliert werden… Es geht eher um ein Leitbild, das immer wieder auf Grundlage der Interessen und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler überprüft werden muss. Dieselbe Forderung richtet sich auch an außerschulische Bildungspartner. Es macht natürlich sehr viel mehr Mühe, als zu sagen: "Wir haben jetzt ein Konzept. Das funktioniert im Moment ganz gut. Das bleibt jetzt so, bevor wir in zehn Jahren noch mal einen Blick drauf werfen." Man muss also das Wohlbefinden Jugendlicher jeweils aktuell ausbuchstabieren. Das kann jede Schule und jeder außerschulische Bildungsträger gemeinsam mit den Jugendlichen für sich tun; das funktioniert aber noch viel besser, wenn das auch für einen größeren Kontext wie eine ganze Kommune unternommen wird.  

Womit die besonderen Möglichkeiten lokal verantworteter Bildungslandschaften und kommunaler Gesamtkonzepte ins Spiel kommen…

Ja. Und da muss man als Kommune nicht unbedingt einen Jugendbericht erstellen, es gibt auch andere Instrumente wie Jugendkonferenzen oder andere Formen, mit denen man erheben kann, wie es den jungen Leuten derzeit geht und was sie brauchen. Es ist natürlich ein Pluspunkt, dass man in einer lokalen Bildungslandschaft am nächsten am "ganzen" Jugendlichen dran ist, seinen Bedürfnissen am besten gerecht werden kann. Eine Schule zum Beispiel, die alleine agiert, wird die jungen Leute immer "nur" als Schülerinnen und Schüler wahrnehmen; wenn sie in einer Bildungslandschaft verankert ist, wird auch der Blick der Schule auf die Jugendlichen ein umfassenderer sein. Somit wird auch die Schule durch den neuen Blickwinkel aus der Kooperation viel besser auf die Bedürfnisse der Jugendlichen reagieren können.  

Welche Voraussetzungen braucht es denn auf den Ebenen Bund, Land, Kommune – um ein gelungenes Zusammenspiel von schulischen und außerschulischen Lern- und Bildungsorten zu ermöglichen?

Ich glaube, dass mit Blick auf das Zusammenwirken von außerschulischer Bildung und Schule die kommunale Ebene die entscheidende ist. Die Entscheidungskompetenzen über den Bereich Schule liegen natürlich maßgeblich auch auf Landesebene. Insofern müssen die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die Kooperation ermöglichen oder nicht ermöglichen, in den jeweiligen Ländern getroffen werden. Da geht es insbesondere auch um das Thema "Mitbestimmung in der Schule". Was den Bund betrifft, der wirkt sehr viel stärker in den außerschulischen Bereich hinein als in den schulischen. Er kann mit den Rahmenbedingungen, die er schafft, diesen Bereich stärken und mit inhaltlich-fachlichen Impulsen versehen.  

Ich stelle mir da jetzt viele reitende Boten vor, die zwischen diesen verschiedenen Ebenen hin und her eilen und melden: "Jetzt passiert das da! Jetzt passiert das da!"

Ja, absolut, das ist ein Netz. Das sind nicht Säulen, die nebeneinander existieren und nur über irgendwelche Dächer verbunden sind. Das ist ein dichtes Netz, das auf allen Ebenen und auch dazwischen gezogen werden muss. Auf Bundesebene streben wir eine "Allianz für Jugend" an, ein gesellschaftliches Netz, das sich unter anderem mit dem Zusammenspiel von Bildungsorten beschäftigt.  

Aber, wie balanciert man ein Zusammenspiel aus, wenn sich die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen vor Ort immer wieder ändern, etwa, weil sie immer wieder zu Übergängen in ihre nächste persönliche Lebensphase kommen?

Man muss immer wieder neu ausbalancieren und diese Übergänge berücksichtigen. Es gibt jedoch weder das eine Konzept für alle Altersgruppen noch gibt es ein Konzept, das alle Unwägbarkeiten schon mit einbezieht. Eben weil sich Lebenslagen ändern und weil sich größere Zusammenhänge auch ändern, können wir nicht vorherbestimmen, in welcher Frequenz Dinge und Konzepte aktualisiert werden müssen. Das ist dann eher ein Reagieren. Auch die Akteure können sich ändern, neue können hinzukommen. Ziele, Arbeitsformate, Instrumente, Akteure – alles muss stetig überdacht werden. Die Ziele orientieren sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen, die Konzepte und Instrumente an den Zielen.  

Was kann die außerschulische Bildung da im Besonderen bieten?

Die Instrumente der außerschulischen Jugendbildung, ihre Programme und Projekte sind viel kurzfristiger angelegt als etwa ein Schulcurriculum. Da macht ein Träger für kulturelle Jugendbildung ein Jahresprogramm und zum Ende des Jahres hat er schon wieder die Chance, es für’s nächste Jahr zu überdenken. Diese hohe Flexibilität ist ein ganz großes Pro der außerschulischen Träger.  

Könnten Ihrer Meinung nach die außerschulischen Partner auch voranging in den Räumlichkeiten der Schule agieren, statt am so genannten "dritten Ort"?

Das kann man nicht pauschal sagen, die Rahmenbedingungen vor Ort sind einfach zu unterschiedlich. Außerdem sollte es nicht um die Frage gehen, wie viel "Wert" ein Unterrichtsangebot im Vergleich zu einem außerunterrichtlichen Angebot hat.  Bedeutet für den "dritten Ort"…? Der "dritte Ort" ist nicht überall umsetzbar, denken Sie an den ländlichen Raum, wo es zum Teil schon schwer genug ist, die bestehenden Orte zu erhalten. Auch die Schule kann ein Lern- und Lebensort sein, an dem viele Akteure gemeinsam agieren. Ich halte sehr viel von dem Begriff der Augenhöhe.

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