KOOPERATIONEN UND
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/// Bildung gemeinsam verantworten



02.10.2013 - Nein, halbe Sachen mag Ludger Pieper nicht. Er will Bildung für den ganzen Menschen. Mit 64 ist er nun schon 40 Jahre im Bereich Bildung tätig

Keine halben Sachen für ganze Menschen

Nein, halbe Sachen mag Ludger Pieper nicht. Er will Bildung für den ganzen Menschen. Mit 64 ist er nun schon 40 Jahre im Bereich Bildung tätig, als Lehrer, wissenschaftlicher Mitarbeiter und nun Abteilungsleiter bei der Berliner Senatsverwaltung für Schule in Sachen Grundsatzangelegenheiten der Schularten, sowie Vorsitzender des Schulausschusses der Kultusministerkonferenz. Bildung liegt ihm am Herzen, dafür nimmt er auch gerne Störungen in Kauf...

Störungen und Differenzen können den Abteilungsleiter bei der Berliner Senatsverwaltung für Schule und Vorsitzenden des Schulausschusses der Kultusministerkonferenz nicht erschüttern. Andere, scheinbar harmlose Gewohnheiten im Schulalltag treffen den Bildungsprofi Ludger Pieper schon. Warum das so ist, hat das Mitglied der MIXED UP Fachjury 2013 dem Kultur macht Schule Team erklärt.

 

Der Auftrag ist klar: Kreatives wachsen lassen. Bildung gemeinsam gestalten… Welche Partner gehören ins Boot, damit er erfüllt werden kann?

Man könnte beinahe schon mit einem zum Allgemeinplatz gewordenen Sprichwort beginnen und sagen: "Es bedarf eines ganzen Dorfes, damit ein Kind groß wird." Das gilt natürlich auch systemisch. Bedeutet: Man kann die Zahl der Partner fast gar nicht begrenzen. Gott sei Dank hat sich das Schulwesen ja auch so entwickelt, dass es sich zu vielen Seiten hin geöffnet hat. In erster Linie ist es heute der Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, der mit dazu gehört. Im Hinblick auf die Kulturelle Bildung ist es das gesamte Spektrum gesellschaftlich engagierter Kräfte, welches bereit steht mitzuwirken.

Welche Rolle kann die Kulturelle Bildung denn Ihrer Meinung nach einnehmen, wenn es darum geht, ganzheitliche Bildungsangebote zu unterbreiten?

Vom Ursprung der Bildung her, ist Bildung immer Kulturelle Bildung gewesen und sollte auch so verstanden werden. Es ist schon so, dass Schule den Bildungsbegriff manchmal auf kognitive Bildung oder sogar auf Wissenserwerb im Bereich der Kognition eingrenzt. Bildung muss aber den ganzen Menschen umfassen, über die Kultur einen anderen Zugang zur Welt bieten. Der Zugang kann dann eine eigene oder auch eine mit dem Kognitiven verbundene Form annehmen.

Bei der BKJ-Fachtagung in Leipzig haben Sie gesagt, dazu sei es notwendig, dass "alte institutionelle Empfindlichkeiten" überwunden werden. Was bedeutet das in der Praxis?

Naja, wir haben in Deutschland ein Problem in Sachen Kultureller Bildung, das es in anderen Ländern Europas so nicht gibt. Das geht zurück auf eine Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Damals wurde zunächst die Organisation für Schule und Schulaufsicht geschaffen. Erst einige Jahre später entstanden getrennt davon erste Gesetze, die die Entwicklung dessen einleitete, was wir heute Kinder- und Jugendhilfe nennen. So gibt es auch unterschiedliche Ausbildungslinien, nach denen zum einen Lehrkräfte ausgebildet werden oder zum anderen Sozialpädagogen, Sozialarbeiter sowie Erzieherinnen und Erzieher. Leider haben dann bis dato die beiden Bereiche nebeneinander her existiert, ohne verbunden zu sein. Diese Bereiche haben nun manchmal Sorge, dass sie sich gegenseitig einverleiben.

Was bedeutet das in der Praxis?

Die Schule wird häufig dem Verdacht ausgesetzt, dass, wenn man mit Anliegen wie "freie Kinderarbeit" oder "Kulturarbeit" in die Schule hineingeht, dann werde alles im Lauf der Zeit zu Schule. Die eigenständige Qualität gehe verloren. Das Problem zeigt sich meiner Meinung nach aber nicht vor Ort, bei der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, das ist eben ein Problem der Abgrenzung.

Welche Zeichen zeigen Ihnen solche Probleme an?

Eine äußere Erscheinungsform, vor der man auch schon mal erschüttert stehen kann, ist das Phänomen, dass sich die unterschiedlichen Beschäftigtengruppen in der Frühstückspause nicht gemeinsam im Lehrerzimmer einfinden. Sie arbeiten alle mit denselben Kindern und Jugendlichen an derselben Ganztagsschule, aber das informelle Gespräch darüber entsteht nur schwer. Außerdem werden kulturelle Arbeit, die Erziehungsarbeit, die kulturellen Angebote in den Nachmittag verlegt. Eine echte, gute Zusammenarbeit an der Ganztagsschule würde so aussehen, dass ein Unterrichtstag rhythmisiert ist. Kulturelle Arbeit würde dann zum Beispiel auch in der Mittagszeit stattfinden und Unterricht im Randbereich bis 16:00 Uhr. Dieser Umgang miteinander, der ist noch nicht so entwickelt, wie er es sein könnte, wenn man den Schatz, der in der Ganztagsschule liegt, gemeinsam heben könnte.

Welche Schritte könnte man dahin gehen?

Mit dem Gespräch geht es los, dann gemeinsame Fortbildungen, gemeinsame Planung, gemeinsame Realisierung und so weiter …

Eine weitere Ihrer Forderungen aus Leipzig lautet "Gemeinsam Verantwortung übernehmen", wie soll das in der Praxis aussehen, welche Vernetzung haben Sie da vor Augen?

Man könnte auch sagen "Jeder Mensch ist verantwortlich für das, was er tut." Und von gemeinsamen Aufgaben sprechen, die man dann gemeinsam verantwortet. Ich meine: Es wäre wünschenswert, wenn sich in Städten und Regionen der Gedanke durchsetzt, dass es immer dieselben Kinder und Jugendlichen sind, um die es geht. Im Sportverein, in der freien Jugendarbeit, in der Schule, in der Musikschule oder bei der freiwilligen Feuerwehr … Wenn die Akteure sich zusammentun und sagen: "Das sind die jungen Leute, die in der Zukunft bestimmen werden, wie es hier weitergeht." Das Wort 'Regionale Bildungslandschaften' ist da in Deutschland schon beinahe geläufig. Die Anforderungen vor Ort und die zum Beispiel vom Schulministerium gestellten überregionalen Anforderungen zusammenzuführen, darum geht es. Das beginnt auch damit, dass man voneinander weiß, miteinander spricht und zum Beispiel Trainingszeiten oder anderes aufeinander abstimmt, zu gemeinsamer Tätigkeit kommt.

Welche Anforderungen für den anstehenden Prozess der gemeinsamen Bildungsverantwortung fallen in Ihren Aufgabenbereich?

Im Aufgabenbereich Schulausschuss Kultusministerkonferenz sind wir dabei, die Empfehlungen zur Kulturellen Bildung weiterzuentwickeln. Wir nehmen Erfahrungen aus den letzten 10 Jahren auf. Das soll im Oktober durch die Kultusminister verabschiedet werden. Die bisher geleisteten Vorarbeiten sprechen von gemeinsamer Planung, auch im Hinblick auf die Aufnahme dieses gemeinsamen Anliegens in die Schulgesetze der Länder – in die rechtlichen Grundlagen. Dort dann auch in die weiteren Regelungen, die das Schulwesen in einem Land beschreiben und die kulturelle Aufgabe explizit nennen und verankern. Dann kommt man schon auf die Ebene der einzelnen Schule, da geht es dann darum, die Ganztagsschule zu nutzen und, wie eben gesagt, andere Verantwortungsträger einzubeziehen.

Und die Schulen und außerschulischen Partner - welchen Herausforderungen müssen die sich stellen?

Sich einzulassen auf die Gruppe, auch auf eine größere Zahl von Teilnehmern. Oftmals sind zum Beispiel die Musikschulen daran gewöhnt, eins zu eins Unterricht zu machen. Außerdem gilt es auch, sich einzulassen auf Kinder, die keine Erfahrung mit dem Erlernen eines Musikinstrumentes haben und nicht vom ersten Tag an begeisterte Instrumentalisten sind. Das gilt für andere Bildungspartner vergleichbar auch. Sportvereine müssen etwa auf sportliche und unsportliche Kinder zugehen.

Sie selbst sprechen da gerne von "der Kraft der Differenz", von "wünschenswerten Verunsicherungen und Störungen". Was würde denn in der Praxis zu diesen Dingen gehören?

Künste bieten einen anderen Zugang zur Welt. Die Störung kann sein, dass die Künste andere Arbeitsformen annehmen, als die, an die die Schule gewöhnt ist; mal negativ gesprochen: Die Schüler alle aufgereiht, der Lehrer vorne und alle im Gleichtakt. Bildungspartner bringen Arbeitsformen ein, die nicht so sehr an den schulischen Rhythmus, wie Klingelzeichen und Pause gebunden sind, und schon mal als störend empfunden werden können. Das stört organisatorische Abläufe, führt aber für Kinder und Jugendliche zu wichtigen Ergebnissen.

Sie selbst haben Ihre Ausbildung als Betriebsschlosser begonnen, sind weiter gewandert in den Lehrerberuf und nun im "Amt". Hat Ihr Einsatz für das Verquicken der praktisch orientierten Arbeit der Bildungspartner und dem Lehr-Auftrag der Schule etwas mit Ihrem eigenen Werdegang zu tun?

Ohne es schlüssig beantworten zu können, darf ich sagen: "Ja, ich vermute es." Wenn man eine solche Biografie hat, die einen mit 15 Jahren erst mal an die Bänke der Industrie und nicht in die Hallen der Kultur bringt, dann spürt man schon irgendwann schmerzlich das Defizit, das entstanden ist. Wenn man denn weiß, wie viel Mühe es bedeutet, sich das dann nachholend zu erschließen, ist das auch mit ein Grund, sich dafür einzusetzen, dass möglichst viele junge Menschen die Kulturelle Teilhabe mit in ihr Leben integrieren können und die schulische Bildung nicht getrennt daher kommt. Dieser Gedanke findet sich aber schon in Schillers "Augustenburger Briefen". Die Fragen der ästhetischen Erziehung treibt das Erziehungssystem schon mehrere Jahrhunderte um.

Vielleicht liegt hier dann auch der Mehrwert für Wettbewerbe wie MIXED UP - die bündeln ja ganz viele von diesen Bereichen …

Ganz sicher! Der Ansatz wie der von MIXED UP befreit uns von einem engen Kulturbegriff. Er befreit auch die Schüler davon, Kulturbegriffe der Eltern, Lehrer und der Schule zu übernehmen. Der Ansatz räumt ihnen stattdessen viele Möglichkeiten des Ausdrucks ein, wie sie ihre Welt ausdrücken oder wahrnehmen. Das führt dann über die Freude der Gestaltung und Mitgestaltung auch in ganz viele andere Bereiche der Kultur.

Wie sähe Ihre Vision einer gelingenden Bildungslandschaft aus?

Es ist schon der Begriff des Gemeinsamen. Alle, die in einer Region in unterschiedlichen Bereichen Verantwortung tragen, finden sich bei dem Thema "Unsere Kinder und Jugendlichen" zusammen. Damit die Kinder und Jugendlichen ein Angebot, eine Hinführung und Unterstützung bekommen, in der Wahrnehmung der Breite dessen, was die Welt zu bieten hat. So, dass sie die Welt nicht als Häppchen oder Tortenstücke einzelner Schulfächer erleben, sondern früh Bezüge zwischen verschiedenen Bereichen des Lebens herstellen können.

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