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06.03.2013 - Professor Kersten Reich spricht über die Angst der Deutschen, das mehrgliedrige Schulsystem aufzugeben und sich einer inklusiven Schule zu öffnen

Bildungsgerechtigkeit und Inklusion – Expertenblick auf deutsche Hoffnungen und Ängste

Eine Angst geht um in Deutschland. Die Angst, als Land der Dichter und Denker die Ansprüche an die Bildung zurückschrauben zu sollen, indem man das viergliedrige Schulsystem aufgibt und sich der inklusiven Schule öffnet. "Kanada, Australien, Neuseeland, selbst die USA sind im Bereich der Inklusion den deutschen Verhältnissen überlegen", stellt Professor Kersten Reich nüchtern fest. Er ist Experte für internationale Lehr- und Lernforschung der Universität Köln. Und weiter sagt er: "Bei Inklusion denken wir in Deutschland oft an die Integration von Menschen mit Behinderung. Die fünf Standards der Inklusion reichen heute darüber weit hinaus ..."

Inklusion ist ein Begriff, der aus der internationalen Staatengemeinschaft kommt. Er wird auch in der UN-Behindertenrechtkonvention formuliert. Dieser ist Deutschland 2009 beigetreten. Der Inklusionsbegriff, wie ihn Professor Kersten Reich in seinem Buch "Inklusion und Bildungsgerechtigkeit" (2012) definiert, fußt auf fünf Standards: Die ethnokulturelle Gerechtigkeit, das Zulassen von Diversitäten in sozialen Lebensformen und sexuellen Orientierungen, die sozioökonomische Chancengerechtigkeit und die Chancengerechtigkeit für Menschen mit Behinderung. Beschäftigt hat sich der Professor der Universität Köln mit dem Inklusionsbegriff im Zuge seiner Studien zur internationalen Lehr- und Lernforschung. Das KMS-Team hat ihn nach Gelingensbedingungen der inklusiven Schule befragt. Außerdem wollten wir wissen, wie er die deutschen Hoffnungen und Ängste zum Thema Inklusion interpretiert. Zunächst haben wir aber den Experten einordnen lassen:


           
Wie definieren Sie Inklusion in Zusammenhang mit der Forderung nach mehr Bildungsgerechtigkeit?

Inklusion ist im Grunde genommen ein Spiegel der Diversität einer Gesellschaft. Heute haben alle Industrieländer oder westlichen Kulturen erkennen müssen, dass sie durch Migrationsbewegungen und Globalisierung eigentlich zu einem Schmelztiegel verschiedener Kulturen geworden sind. Das gilt auch für Deutschland. Das bedeutet, dass wir sozusagen repräsentativ auch in der Schule eine Vielfalt von Menschen, so wie sie in der Gesellschaft vorhanden ist, mit möglichst gleichen Chancen fördern müssen.

Ein aktuelles Buch des Hirnforschers G. Hüther trägt den Titel "Jedes Kind ist hoch begabt". Wie stehen Sie zu dieser Haltung?

Gemeint ist wohl, dass wir alle mehr Möglichkeiten in unserem Gehirn haben, als wir sie je ausschöpfen. Begabt meint in der Inklusionsforschung, dass man sagt: "Jeder Lerner hat ein Recht auf persönliche Exzellenz." Also, Bereiche, die ihm liegen, in denen er Förderung erwarten darf. Es macht gar keinen Sinn, jemanden, der Wahrnehmungsschwierigkeiten hat, immer wieder auf Wahrnehmung trainieren zu wollen. Genau so wie begabte Schüler ja nicht in allem begabt sind.

Wie stehen Sie zu der Sorge deutscher Eltern, ihre Kinder könnten in inklusiven Schulen nicht ausreichend gefördert werden?

Ich denke, alle Eltern haben berechtigterweise Sorge um die Entwicklung ihrer Kinder. In der jetzigen Situation in Deutschland kann ich sehr gut die Sorgen der Eltern verstehen und dass sie zum Gymnasium drängen; man hält das für den Königsweg. Die weltweiten Schulsysteme zeigen hingegen, dass das gar nicht so ist. Im Gegenteil, ein hoher Bildungserfolg wird dadurch erzielt, dass man erst mal eine Schule für alle hat, in der z.B. auch Menschen mit Behinderungen sind. Es hat sich gezeigt, dass das auch den leistungsstarken Schülern und Schülerinnen überhaupt nicht schadet, sondern große Gewinne bringt. Nicht nur im sozialen Bereich, auch in ihrem kognitiven Lernen. Ein inklusives Schulsystem ist ein durchaus erfolgreiches Schulsystem. Wenn es gut gemacht ist, müssen die Eltern keine Sorge haben.

Was bedeutet denn "gut gemacht"?

Ein inklusives Schulsystem gelingt nur, wenn die Anteile der Lernenden repräsentativ zur Bevölkerung in den Schulen und Klassen gleich verteilt sind. Das gilt übrigens auch für die Menschen mit Behinderung. Das sind, im engeren Sinne, 2,5 bis 3 Prozent der Bevölkerung. In einer Schulklasse gibt es dann immer höchstens ein bis drei Fälle, was die Eltern beruhigen könnte, wenn Inklusion zum Regelfall wird. Heute wird auch in der Theorie dramatisiert, was in der Praxis gar nicht so dramatisch aussieht, wenn wir grundsätzlich auf Inklusion umstellen.

Welche Rolle spielt Inklusion mit Blick auf das soziale Lernen?

In Hinblick auf das soziale Lernen ist die Inklusion wirklich wahnsinnig wichtig. Wenn Sie beispielsweise ein behindertes Kind in einer Schulklasse haben, dann werden Lehrer und Lehrerinnen eher darauf achten, dass dieses Kind kein Mobbing erfährt. Sie werden also sehr strikt darauf achten, dass die Mitglieder der Klasse soziale Regeln des Verhaltens erarbeiten müssen und einhalten. Diese Regeln des Verhaltens sind dann aber auch für alle Kinder gültig. Die sozialen Bedingungen der Inklusion erzeugen somit eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber Mobbing, das an deutschen Schulen mittlerweile zum Problem geworden ist.

Wie kann Inklusion in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden? Welche Rahmenbedingungen und Ressourcen sind für eine qualitätsvolle Inklusion notwendig?

Eine wesentliche Ressource ist natürlich die personelle Ausstattung. Das heißt, dass es multiprofessionelle Teams von Lehrkräften gibt. Je nach Assistenzbedarf des behinderten Kindes in der Klasse müssen auch Assistenzkräfte vorhanden sein. Solche Kräfte können auch Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen oder Assistenten für die jeweilige Form von Behinderung sein. Es muss natürlich auch eine sonderpädagogisch spezialisierte Kraft vorhanden sein. Die Klasse soll dabei nicht mehr als 20 – 22 Schüler umfassen.

Hört sich nach einer völlig neuen Lehrsituation an. Wie lauten Ihre Empfehlungen hinsichtlich der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonal?

Das Wichtigste: Die Lehrer und Lehrerinnen müssen es wollen, sonst funktioniert es gar nicht. Außerdem hat es sich als günstig erwiesen, wenn sie im Team zusammenarbeiten. Lehrer oder Lehrerin als Einzelkämpfer haben an so einer Schule ausgedient. Ohne Weiterbildung und Fortbildung wird es gar nicht funktionieren. Das wird realistisch gesehen die Kosten für die Inklusion auch erhöhen.

Ja, aber welche Instrumente und Erfahrungen können denn den Lehrenden zur Orientierung dienen?

Bisher ist da ein großer Mangel zu verzeichnen. Wir erarbeiten solche Instrumente aber natürlich auch in Deutschland. Das Material für die Lehrer und Lehrerinnen dazu ist im englischen Sprachbereich viel weiter verbreitet, aber es gibt auch erste gute Umsetzungen im gemeinsamen Unterricht. Hier gibt es auch Besten-Praktiken. Es haben sich auch bei uns schon einige Schulen auf den Weg gemacht, die Erfolge im gemeinsamen Unterricht zu verzeichnen haben. Was als Instrument besonders erfolgreich ist, ist das Peer-to-Peer-Learning, also die Schülerinnen und Schüler selbst als Lehrer einzusetzen, indem sie ihren Mitschülerinnen und Mitschülern helfen. Das hat den Effekt, dass gerade die besseren Schülerinnen und Schüler durch diese Hilfe, die sie den anderen geben, noch mal vertiefend den Stoff erarbeiten und dadurch auch in ihrer persönlichen Exzellenz sich steigern können.

Was würden Sie sagen: Inklusion in der Schule – Idylle oder Menschenrecht? 

Menschenrecht! Inklusion und Menschenrechte sind nicht voneinander zu trennen. Die Inklusion hat ja schon eine sehr lange Geschichte, eine traurige. Wir haben auch zunächst in Skandinavien und heute weltweit erst spät eine Inkludierung der Menschen mit Behinderung erreicht. Dabei hat man erkannt, dass es auch Menschenrechte für diese Menschen gibt. Aus der Überwindung der Ausgrenzungspolitik ist die Idee der inklusiven Schule erwachsen.

Das spiegelt sich aber nicht in der Inklusionsdiskussion in Deutschland wieder ...

Ja, das Problem in Deutschland ist, dass die Inklusion heute eher von oben kommt. Wir haben die EU-Behindertenrechts-Konvention unterzeichnet und nun muss die Inklusion sozusagen verordnet werden. Die Lehrenden sind aber mit unserem und durch unser Schulsystem gar nicht darauf vorbereitet. In Deutschland teilen wir schon sehr früh, nach der vierten Klasse, die Kinder auf und das widerspricht bereits fundamental den Gesetzen der Inklusion.

Wie beurteilen Sie bezüglich der Bildungsgerechtigkeit bildungspolitische und gesellschaftspolitische Entwicklungen in Deutschland im internationalen Vergleich?

Wir müssten uns zu einer grundlegenden Schulreform aufraffen. Die ist in den politischen Parteien aber sehr strittig. Die Deutschen sind eben von der Angst geprägt, dass das den Kindern schaden könnte. Das finde ich schon traurig, dass man so wenig auf das vertraut, was andere Länder erfolgreich tun und was die Wissenschaft in diesem Feld herausgefunden hat.

Die Fachstelle "Kultur macht Schule" engagiert sich für mehr Kulturelle Bildung in Schulen. Wo liegt Ihrer Meinung nach das Potential Kultureller Bildung, wenn es darum geht, inklusive Prozesse in Schulen zu begleiten und zu unterstützen?

Das ist im Grunde weltweit ein großes Thema. Insgesamt sinken die Kulturfächer in der ihnen entgegengebrachten Wertschätzung ab. Im deutschen Zentralabitur sollen Englisch, Deutsch, Mathematik durchgedrückt werden, egal, wo Neigung und Begabung der Schülerinnen und Schüler liegen. Das ist etwas, das dem inklusiven Gedanken völlig widerspricht. Außerdem ist es eine verpasste Chance, denn: Wir leben in einer Kultur, die immer kommerzialisierter wird und die Chance der Schule besteht darin, eine gewisse Tiefe und Breite von Kultur zu erhalten. Deshalb halte ich es für ganz wichtig, dass die inklusive Schule ein klares Konzept kultureller Entwicklung und ästhetischer Bildung entwickelt. Wenn Sie zum Beispiel die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden mit einem sehr klaren Theaterprofil haben und das Theaterprofil wird mit Regisseuren von außen bedient, dann zeigen die Erfolge dieser Schule, wie sehr sich die Lernwelt mit der Kulturwelt verbinden lassen. Und hier haben die Schüler durch die Theaterarbeit einen Lernzuwachs auch in Mathematik, weil sie durch das Theaterspiel mehr Zutrauen in das eigene Lernen bekommen. Das fördert die individuellen Exzellenzen enorm.

Welche Empfehlung würden Sie Kooperationsteams aus Kultur und Schule mit auf den Weg geben, die sich gemeinsam für mehr Bildungsgerechtigkeit und ein Lernen in Vielfalt engagieren wollen?

Ich glaube, wir sollten das sehr breit aufstellen. Eigentlich kann sich auch jede inklusive Schule ein Profil in dieser Breite geben; vielleicht ein Theaterschwerpunkt-Profil oder ein Musikschwerpunkt-Profil, aber auch ein sportliches Profil wäre denkbar. Bei der Gründung der Inklusiven Universitätsschule in Köln denken wir auch an ein naturwissenschaftliches Profil, mit vielen Experimenten und Schülerlaboren. Das ist ja auch ein Feld, das zur Kultur dazugehört, eine experimentelle Einstellung zu gewinnen. Diese Schule soll auch in die Lehramtsausbildung einbezogen werden, um an Vorbildern zu lernen. Es nützt aber nicht viel, bloß einzelne Themen herauszugreifen, sondern heute sollte fachübergreifend und vernetzt gedacht werden. Einen solchen Weg sollten wir gehen.

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