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/// Schlaraffenland - Manchmal hart wie Knäckebrot



12.09.2012 - Vom Mitbestimmungsprojekt zum MIXED UP Preisträger der Jugendjury 2012

Vom Mitbestimmungsprojekt zum MIXED UP Preisträger der Jugendjury 2012

Auf Mitbestimmung durch die Schülerinnen und Schüler wird an der Bielefelder Laborschule ohnehin Wert gelegt. Sie ist staatliche Versuchsschule des Landes Nordrhein-Westfalen. Gegründet 1974. Die Verhaltensweisen, die von erwachsenen Bürger*innen unserer Gesellschaft erwartet werden, sollen an der Laborschule im Alltag gelernt werden. Daher sind Verantwortung und Beteiligung zentrale Themen des Schulalltages. An der Laborschule in Bielefeld gibt es keine Klassenräume und keine Noten. Dennoch gibt es wie an jeder Schule Unterricht nach Regeln. Ebenso Diagnosemittel für die Leistungen der Schüler*innen - wie Schülerarbeiten oder Schülerberichte. Aus diesem verschulten Alltag ist die Lehrerschaft gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern der 8. Stufe für 8 Wochen ausgestiegen- hinein in das Projekt "Schlaraffenland". Bis man mit dem Schlaraffenland beim MIXED UP Jugendjurypreis ankam, war die Arbeit an der Mitbestimmung aber manchmal hart und trocken wie Knäckebrot. Dr. Michael Hecht ist einer der beteiligten Lehrer und hat unserer Reporterin Babette Braun vom Weg ins Schlaraffenland berichtet ...

 

Ein 8-Wochen-Mitbestimmungs-Projekt in der 8. Stufe. Warum in dieser Stufe? Welche Besonderheiten hat dieses Alter?

Die Pubertät. Na ja, es hätte auch die 7. oder 9. Klasse sein können. Also, wir sehen sozusagen in der Pubertät bestimmte Entwicklungsaufgaben. Zum Beispiel, sich selbstverantwortlich zu organisieren oder selbstverantwortlich etwas zu tun. Zeigen zu können, was man drauf hat – eine echte Aufgabe zu meistern. Ein Stück weit ging es auch darum zu sagen: "Jetzt finde mal raus, was du willst". Dazu haben wir das kognitive Lernen mit tätigem Lernen, mit Bewegung, ergänzt.

Sie haben eine sehr konsequente Form der Partizipation gewählt. Die auch Überraschungen mit sich brachte, zum Beispiel bei der Aufgabe, selbst gewählte Experten nach einer Projekt-Idee zu fragen ...

(lacht) Ja, wir dachten natürlich, dass da Experten wie Verwandte oder andere ältere Leute gewählt werden, die den Jugendlichen raten könnten: "Mensch, wenn ich an eurer Stelle wäre, würde ich aufgrund meiner Lebenserfahrung Folgendes tun in diesen acht Wochen." Da hätte man so ein paar Orientierungspunkte gehabt, das war unsere Hoffnung. Jetzt haben die Jugendlichen aber Experten gewählt, mit denen wir so überhaupt nicht gerechnet haben. Sie haben zum Beispiel versucht Jonny Depp anzuschreiben, der dann aber – seltsam – nicht geantwortet hat. Und verschiedene Serien-Menschen. So nach dem Motto: Die leben in meinem Fernseher in meinem Wohnzimmer, das sind meine Ansprechpartner. Das hat uns schon sehr verwundert. Das haben aber nicht alle Jugendlichen gemacht, manche haben sich in ihrer Umgebung nach Rat umgeschaut. Einer hat zum Beispiel seinen Patenonkel gefragt, der beim DAAD arbeitet.

Dennoch brachte dieser Teil der Mitbestimmung keine Ergebnisse, mit denen man planen konnte. Dann haben Sie ein kick-off angesetzt und in einer zweitägigen Klausurtagung mit Lehrerinnen und Lehrern sowie den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, ihr Projekt zu strukturieren. Bedeutet das: Zur erfolgreichen Mitbestimmung brauchen Schülerinnen und Schüler einen Rahmen mit Lehrern?

Also, ich glaube, Jugendliche brauchen Raum und Gleichaltrige, um sich auszuprobieren und Dinge anzueignen. Gleichzeitig bin ich aber auch der Überzeugung, dass Jugendliche Erwachsene brauchen, nicht unbedingt Lehrer, an denen sie sich abarbeiten können, orientieren können. Erwachsene, die auch noch weiter vorstrukturieren und mitdenken – ja.

Gefunden wurde das Theaterprojekt "Schlaraffenland". Umgesetzt mit Ihrem Kooperationspartner Theaterlabor aus Bielefeld. Und wieder stellten sich für die Umsetzung der Mitbestimmung neue Aufgaben ...

Das Interessante war, dass Mitbestimmung bei der Umsetzung des Projektes selber verschiedene Fassetten bekam. Mitbestimmung kann zurecht eingefordert werden, wenn das Projekt in eine andere Richtung läuft, als es von den Jugendlichen ursprünglich selbst geplant wurde. Die Mitbestimmung kann aber als Mittel genutzt werden, dass man merkt: "Hm, das wird mir jetzt aber anstrengend, da muss ich mich auf Dinge einlassen." 

Im Projekt zeigte sich ebenfalls, dass Mitbestimmung nicht nur im Unterricht eine Herausforderung darstellt, sondern auch bei der Entwicklung von einem Theaterstück ...

Es gibt ja unterschiedliche Ideen der Mitbestimmung. Die anfängliche Idee der Theaterleute war, dass die Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler dadurch eingeholt wurde, dass man sich künstlerisch innerhalb eines bestimmten Rahmens voll einbringt. Eine Mitbestimmung über Art und Form des Stückes oder künstlerischen Gesamtkonzeptes war da nicht mit angedacht. Da stellt sich die Frage: Wie viel Mitbestimmung braucht so ein Stück und verträgt so ein Stück?

Mitbestimmung durch Schülerinnen und Schüler scheint ein hartes Brot zu sein. Gehört Frustration zum Lernprozess und der entschulten Situation einfach dazu? 

Wär’ schade, wenn es immer Frustration ist. Aber sicherlich gehören dazu auch Misserfolge, aus denen man lernen kann und es dann das nächste Mal anders machen kann. Vielleicht gehört in dieser entschulten Situation auch das Aneignen von Realismus dazu. Die Erkenntnis: In einer geschützten pädagogischen Situation ist relativ viel Mitbestimmung möglich, aber Mitbestimmung in einer Gesellschaft ist nicht permanent möglich. Auch in einer demokratischen Gesellschaft nicht. 

In den acht Wochen zählten nur Rückmeldungen auf "jetzt und hier". Wie schwierig war es denn für die Lehrer, auf Diagnosemittel wie Schülerarbeiten oder Schülerberichte zu verzichten?

Diesen Lehrerblick: "Das hat er gut gemacht, da ist sie zu spät oder schon wieder ein Kaugummi" loszuwerden ist praktisch unmöglich. Die Rolle und die Person sind da schon sehr eng miteinander verwoben. Übrigens auch für die Schülerinnen und Schüler. Deswegen war es uns auch so wichtig, dass es externe Erwachsene sind, die Rückmeldung geben. Und die Schülerinnen und Schüler waren auch manchmal geschockt wie deutlich die Sprache der Kritik dann war.

Eine solche Phase kultureller Bildung statt Unterricht. Ist so etwas an Regelschulen denkbar?

Warum nicht? – Also, ich glaube, man muss sich bei so einem Projekt als erstes über den Lernbegriff Gedanken machen. Was ist eigentlich Lernen? Und kann ich Lernen nur auf das beschränken, was Unterricht kann? Oder gibt es Dinge, die ich in dieser Situation eben nicht lernen kann. Und die pädagogische Literatur würde das, glaube ich, ziemlich eindeutig beantworten. Nämlich, dass es eben verschiedenen Lernformen gibt und die eben nicht alle im Unterricht organisiert werden können. Teilweise wird das versucht.

Stichwort Projektunterricht? 

Ja, genau. So gesehen sind unsere acht Wochen eine sehr lang gezogene Projektunterrichtsphase, in der nicht Schulstoff durchgezogen wird - sondern es darum geht, zu lernen. Nicht zu verwechseln mit einer Projektwoche. In einer Projektwoche können die Jugendlichen oft als Akt der Mitbestimmung nur wählen, an welcher Aktivität sie teilnehmen. Unser Projekt ist dagegen auch auf inhaltliche Mitbestimmung aufgebaut.

Welche Rückmeldungen haben Schülerinnen und Schüler zum Thema Mitbestimmung im Projekt gegeben?

Was uns sehr gefreut hat war, dass die Schülerinnen und Schüler sehr differenziert zurückmelden konnten. Sie haben deutlich gesagt, dass sie die Mitbestimmung während der Planungsphase und Projektentwicklung sehr geschätzt haben. Sie haben kritisiert, dass ihre Mitbestimmung bei der Durchführung des Projekts eingeschränkt war. Manche konnten aber trotz dieses Ärgernisses sehen: "Guck, da war aber noch Mitbestimmung möglich und an anderen Stellen hat es eben nicht so geklappt, wie wir das wollten. Und wir haben das Beste draus gemacht."

Was sind die Rückschlüsse der Lehrerschaft? Machen Sie jetzt im 2. Durchlauf Dinge anders?

Wir werden auf jeden Fall noch mehr darauf achten, für die Jugendlichen Möglichkeiten zu schaffen, dass sie in kleineren Unterprojekten echte Aufgaben für sich selber entdecken können. Wo sie echte Verantwortung übernehmen können, übernehmen müssen. Wir müssen auch deutlicher machen, dass es Phasen gibt, in denen es nicht um Basisdemokratie geht. Also, wenn ein Tanztraining ansteht oder wenn man gerade gemeinsam die Alpen überquert, dass man sagt: "Ich wollte das so gar nicht sondern bitte diese anderen Trainingsübungen machen oder ohne Bergstiefel und Blasen über den Berg." Das geht halt nicht. Das andere ist, dass wir in einer sehr frühen Phase gemeinsam mit den Kooperationspartnern die Idee durchdenken, damit es ein gemeinsames Konzept wird.

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