KOOPERATIONEN UND
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/// SOMOS – Wir sind! Begeistert!



06.10.2010 - Ein Interview mit Lehrer und Projekt-Organisator Georg Steinhausen vom Austausch zwischen Artisten des Schulcircus Radelito der Willy-Brandt-Gesamtschule Köln-Höhenhaus und Jugendlichen des Jugendzentrums der Kölner Partnerstadt Corinto in Nicaragua

Gemeinsam trainieren, gemeinsame Vorstellungen inszenieren und mehr über die Heimat der anderen erfahren. Jedes Jahr werden neue Jugendliche in das Projekt "SOMOS – Wir sind!" integriert. Wechselweise wohnen deutsche und nicaraguanische Jugendliche gemeinsam in Familien, Schulen oder der Pfarrei. Zirkuswissen und –gefühl wandert zwischen deutschen und nicaraguanischen Schüler*innen hin und her. Während des Austausches gibt es gemeinsames Zirkustraining und den Vorstellungen. Auf der Strecke bleiben Vorurteile, gewonnen wird Qualität und Nachhaltigkeit. Aber woher kommt die Qualität? Wir haben Georg Steinhausen gefragt. Er ist Lehrer an der Willy-Brandt-Gesamtschule Köln-Höhenhaus und Initiator des Projektes.

 

Seit 18 Jahren gibt es Ihr schulinternes Zirkusprojekt, seit 5 Jahren den Austausch mit Nicaragua. Ist für Sie diese lange Zeit ein Gradmesser für Qualität des Projektes?

Ja, selbstverständlich. Den Austausch hinzuzunehmen, das habe ich mir auch wirklich erst nach 15 Jahren zugetraut. Das Wissen und das Know-How dazu muss man sich eben auch erst mal aneignen. Ein qualitativ hochwertiges Projekt kann man aber sicher auch mit weniger Laufzeit umsetzten, das kommt einfach auf den Projektumfang an.

Sie haben im Mixed-Up-Wettbewerb einen Sonderpreis erhalten. Ihre Schule macht ein Projekt außerhalb Deutschlands. Ist aus dem Rahmen fallen also qualitätsweisend?

Klar! Weil man neben dem, was man normalerweise im Schulbetrieb lernt so neue Qualitäten hinzunimmt. Die Schüler*innen erleben so Globalisierung einmal anders; in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen aus einem anderen Land. Hinzu kommt, dass wir so auch mit Erwachsenen aus dem Partnerschaftsprojket auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Da begegnet man sich auf Treffen und Reisen und die Erwachsenen hatten doch einige Aha!-Erlebnisse, was das Können der Jugendlichen angeht.

Was bringt es denn, ein Projekt anzustoßen, das über die Stadt, das Bundesland, das Heimatland hinausweist?

Zum einen qualitative, persönliche Entwicklungsmöglichkeiten. Zum anderen, die Möglichkeit, zu entdecken, dass Schule als Organisation etwas erreichen kann – eventuell auch über Schule hinaus. Beispiel: Zwei der ehemaligen Schülerinnen machen jetzt im Projekt in Nicaragua ihr FSJ.

Welche drei Punkte sollten gewährleistet sein, damit ein Projekt Qualität entwickeln kann?

Kontinuität. Einbeziehen von Eltern und außerschulischen Partnern. Emotion, Erfolg, und Begeisterung von allen Beteiligten. Und jedes Jahr bringen dann die 5-Klässler neue, frische Begeisterung.

Etwa 80 Schüler*innen trainieren täglich im Schulcircus Radelito in den Pausen und im Freizeitbereich. Das sind natürlich seit 20 Jahren nicht immer die selben Schüler*innen. Ist es das Schwarm-Prinzip, das da zusammenhält?

Was zusammen hält ist eigentlich eher ein harter Kern von Schülern*innen. Die machen beim Zirkus von der 5 bis zur 13 Klasse mit. Die kommen sogar noch, wenn sie selbst die Schule bereits verlassen haben. Das bewirkt, dass deren Freunde auch dabei bleiben oder nachziehen.

Und das ständige Training für den Zirkus nehmen Sie dann auch als Brücke für das schulische Lernen?

Genau. Paradebeispiel ist ein Schüler, dem in der 5ten Klasse Zappeligkeit attestiert wurde. Den haben sie mir dann in den Zirkus weitergereicht. Da hat er dann Kunststücke gelernt, die große Konzentration erfordern, Devilsticks und frei stehende Leiter und so. Der war richtig gut! Im Unterricht hat er diese Konzentration dann auch umgesetzt. Er hat seinen Abschluss gemacht und ist jetzt erfolgreicher Geschäftsmann in Amerika. Solche Erfolge haben sich auch bei den Kollegen herumgesprochen und sie erkennen heute die starke Wirkung der Zirkusarbeit an.

Sie haben erzählt, dass Sie jeden einzelnen der 365 Jahrestage eines Jahres in irgendeiner Weise mit dem Projekt befasst sind. Muss man Qualitätsgewinn in der kulturellen Arbeit an Schulen mit Qualitätsverlust im Privaten bezahlen?

Jein – Es gibt ja ganz viele Leute, die von Schule total frustriert sind. Die sehen keinen Erfolg oder Sinn in Schule. Das Problem habe ich durch das Projekt nicht. Mir ist seit 20 Jahren klar, was ich machen will und was es bringt. Das ist eine Qualität im Leben, die man sonst nicht kriegt.

Die Fachstelle Kultur macht Schule will mit ihrem Internet-Portal Hilfestellung geben. Erreicht Sie diese Hilfe?          

Was mir bisher die stärkste Hilfestellung gegeben hat, waren 1 – 2 Fachtagungen. Über die bin ich dann zum Kontakt mit dem Internet-Portal gekommen. Dort gucke ich gerne in den wissenschaftlichen Veröffentlichungen nach: "Macht das eigentlich Sinn, was du da machst?" Und dann zu sehen: "Hey! Genau das ist angesagt und wissenschaftlich fundiert!", das hilft. Besonders nach Pisa und der nachziehenden Verkopfung des Unterrichtes ist das wichtig. Wenn nun Leute sagen, was ich mache, das bringt nichts, dann kann ich sagen: "Stopp! Guck dir erst mal den wissenschaftlichen Stand an!"

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