ONLINEMAGAZIN „KOOPERATIONEN UND BILDUNGSLANDSCHAFTEN“ >>
/// Utopien für Schulentwicklung erspielen



Wie soll sich diese Schule zu einem kulturellen Profil entwickeln, wenn doch…? Eine Frage, die Schulentwicklungsprozessen und solchen, in deren Folge sich vieles grundlegend verändern wird, innewohnt. Es ist kompliziert. Um sich nicht am Komplizierten festzubeißen, braucht es angstfreie Räume. Wie szenisches Arbeiten im Schulentwicklungsprozess unterstützen kann, erzählt die Drama- und Theatertherapeutin Sandra Anklam im Interview.

Interview mit Sandra Anklam

Seit vier Jahren leitet Sandra Anklam den Fachbereich Theater und Systemische Theaterpädagogik an der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW in Remscheid. Sie ist Diplom- und Theaterpädagogin sowie Drama- und Theatertherapeutin und Systemische Supervisorin.

Frage: Wie können theaterpädagogische und szenische Ansätze Schulentwicklungsprozesse begleiten und unterstützen?

Zentral ist das Arbeiten mit dem sogenannten Möglichkeitsraum, den das Theaterspiel oder szenisches Arbeiten eröffnet. Das heißt, dass wir uns mit dem Raum beschäftigen, der neben dem Realitätsraum mit seinen realen Grenzen und Bedingungen existiert, in dem wir uns alle bewegen und in dem auch Schulentwicklungsprozesse stattfinden.

Wenn ich möchte, dass Schule ein kulturelles Profil entwickelt, dann ist es wunderbar, das Ganze quasi analog schon zu probieren. Die ästhetische Distanz im szenischen Arbeiten macht über das Einnehmen von Rollen oder über das Einsteigen in Szenarien ein anderes Denken möglich. Über das Theaterspiel eröffnet sich ein neuer Raum. Hier darf alles sein. Es darf ein Scheitern sein. Es darf ein lustvoll spielerisches Erkunden von Zuständen und Visionen sein. Ein Raum, der angstfrei bespielt werden kann, weil er nicht die Konsequenzen des alltäglichen Lebens hat. Darin liegt das größte Potenzial.

Frage: Was ist das Besondere an diesem Zugang, der über reine Denkprozesse hinausgeht, indem er Körperlichkeit einbezieht? Haben Sie Beispiele?

Ich schreibe nicht nur fünf Punkte auf, wie die Kulturschule sein soll, sondern gehe in einen Ziel-Lösungs-Zustand. Den kann ich körperlich erfahren. Es ist eine erfahrungsbasierte, keine intellektuelle Situation. Hier kann ich vielleicht auch körperliche Grenzen erfahren. Und so kann ich bestimmte Aspekte antizipieren, die sich in reinen Denkprozessen als schwierig herausstellen. Und vielleicht erlebe ich sie dann gar nicht als schwierig. Aber dafür sind vielleicht andere Dinge, von denen ich denke, dass sie leicht zu bewältigen sind, doch schwierig.

Ich arbeite in dem Themenfeld gerne mit einem Format von Augusto Boal, dass ich frei adaptiere. Er hat das Theater der Unterdrückten entwickelt. Da gibt es eine Spielart, die heißt vom Realbild zum Idealbild. Für mich ist das der Weg vom Alltag in die Utopie. Das geht so, dass jemand ein Thema, ein Anliegen, eine Fragestellung formuliert. Und dafür einen körperlichen Ausdruck findet. Im nächsten Schritt geht es mit einem Riesensprung in das Idealbild. Also ganz frei: Wünsch dir was. Wie sieht die Utopie, der Wunschzustand aus? Frei von inneren Zensoren und Bedenken. Auch dafür findet die Person eine Haltung: Was ist, wenn mein Kollegium, die Schulleitung, die Schüler*innen und die Lehrer*innen, die Eltern, die Bezirksregierung – alle mitziehen und glücklich sind? Wie drückt sich das körperlich aus? Dann geht es darum, zusätzlich ein Bild für einen Übergang zu finden, zwischen Real- und Idealzustand. Über diese Zwischenwelt schlage ich quasi eine Brücke zwischen Zustand und Utopie – und zwar tatsächlich körperlich.

Wenn ich als Ausgangsbild habe: ich fühle mich von der Last erdrückt, meine Schultern hängen, mein Kopf qualmt und ich bin nicht in meiner Kraft. Und das Idealbild ist: ich leuchte, ich strahle, meine Arme sind ausgebreitet. Was heißt das konkret für mich? Brauche ich z. B. eine Unterstützung von Kolleg*innen, damit ich dahingehen kann. Darüber fokussiere ich auf die Utopie, auf den Lösungszustand, auf den Idealzustand.

Frage: Wie übersetze ich meine individuellen Erfahrungen in den gemeinsamen Prozess mit dem Kollegium oder der Schulleitung, um für Schulentwicklung z. B. auch Veränderungen in den Rahmenbedingungen herzuleiten?

Diese Bilder werden in Partnerarbeit entwickelt. Im Anschluss zeigt die eine Hälfte der Gruppe ihre Bilder dynamisiert zur Musik und die anderen schauen zu. Die Zuschauer*innen kommentieren auf der rein künstlerischen, der ästhetischen Ebene. Sie werden gefragt: Was habt ihr gesehen? Welche Titel könnten diese Choreografien haben? Mit dem Material kann dann weitergearbeitet werden. Entweder auch künstlerisch, in einer Geschichte, oder es werden die Goldenen Regeln für Schulentwicklung abgeleitet. Oder es gibt einen Austausch anhand konkreter Fragestellungen: Was von dem, das ich gesehen habe, ist relevant für unseren Prozess? Welche neuen Informationen, Ideen, Fragen, Erkenntnisse können wir aus dem, was wir da ästhetisch gesehen haben, mitnehmen, um in einen weiteren Prozess zu gehen? Den gesamten Erfahrungsprozess mit einer Reflexion und mit einer Analyse zu verbinden, ist sehr bereichernd.

Frage: Wann und warum eignet sich das szenische Arbeiten als Methode im Schulentwicklungsprozess?

Diese Herangehensweise eignet sich grundlegend für Schulentwicklungsprozesse, egal um welche Profilbildung es geht. Das szenische Arbeiten ermöglicht andere Zugänge zum Generieren von Ideen. Manchmal verstrickt man sich in solch einem Prozess in ein Problem. Wenn ich einen Anstoß gebe, der nicht sofort fruchtet, dann wird immer alles schwerer. In meinem Inneren gebe ich dem Problem immer mehr Bedeutung. Der Ansatz hilft, dem eine Lösung gegenüberzustellen und motiviert, an Schwierigkeiten heranzugehen. Immer, wenn es um Veränderungsprozesse geht, ist das ein nützliches Instrument. Die Methoden der Kulturellen Bildung sind eben nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für das Lernen von Organisationen bereichernd.

Frage: Wer und was kann dabei unterstützen, szenisches oder theaterpädagogisches Arbeiten in den Schulentwicklungsprozess zu integrieren?

Ich empfehle für Schulentwicklungsprozesse den systemischen Ansatz von Organisationsentwicklung zu nutzen. Der Blick geht dabei immer auf Ressourcen und Kompetenzen, auf das, was schon gut läuft, und nicht so sehr auf das, was schief läuft. Ein Supervisor oder eine Supervisorin, der oder die neben Prozessbegleitung auch künstlerisch arbeitet, wäre eine sehr gute Unterstützung, z. B. jemand aus dem Fachbereich Theater und systemische Theaterpädagogik der Akademie hier. Ich berate auch sehr gerne.

Der Beitrag ist im Onlinemagazin Kooperationen und Bildungslandschaften der BKJ, Ausgabe Juni 2019, erschienen.

203 mal gelesen