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/// Kulturelle Unterrichtsentwicklung = Besser Lernen mit allen Sinnen



Darf Unterricht Spaß und Freude machen? Ganz klar: Ja. So die Antwort von Stephan Bock, Leiter des Programms Generation K in Rheinland-Pfalz. In seinem Beitrag beschreibt er, was in Rheinland-Pfalz genau passiert, um kreative Unterrichtspraxis in die Breite zu bringen, welche Auswirkungen das auf Schüler*innen hat und was das mit den Haltungen von Lehrer*innen und Künstler*innen zu tun hat.

Besser Lernen mit allen Sinnen

Wandel durch kulturelle Unterrichtsentwicklung und ästhetisch-kulturelle Vermittlungsformen

von Stephan Bock

Darf Unterricht Spaß und Freude machen, sowohl Lehrer*innen als auch Schüler*innen? Ja, er muss es sogar, wenn man einen nachhaltigen Lernerfolg erzielen und die natürliche Gabe zu Lernen, den Wissensdurst, die Neugier und die Entdeckerfreude von Kindern nicht schon im Keim ersticken will. Diese Erkenntnis hat nicht nur die Neurowissenschaft in den letzten 30 Jahren bestätigt, sondern wurde auch von bedeutenden Pädagog*innen in den letzten Jahrhunderten erkannt. So forderte schon Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) einen ganzheitlichen Ansatz nach dem Motto „Lernen mit allen Sinnen“.

Eine neue Lehr- und Lernkultur

Hauptziel der Stiftung Mercator in ihrem Programm „Kreativpotentiale“ ist es, „[…] Kunst und Kultur stärker in unserem Bildungssystem zu verankern und es damit im Hinblick auf eine neue Lehr- und Lernkultur zu verändern“. Das heißt letztendlich, Schule und Unterricht neu zu denken. Generation K hat dies dankbar aufgegriffen und die kreative Unterrichtspraxis daher in den Mittelpunkt gestellt.

Generation K kooperiert dabei mit dem Programm „Learning through the arts“ (LTTA), das vor rund 30 Jahren in Kanada entwickelt wurde und seit über zehn Jahren einen deutschen Ableger an der Universität in Würzburg unterhält (www.ltta.de). Im Wesentlichen geht es darum, die Fachinhalte der Kernfächer Mathematik, Sprachen, Naturwissenschaften, Geschichte, Erdkunde und Soziales mit Methoden der Künste, wie Musik, Tanz, Bildende Kunst, Theater, Medien etc., zu erschließen und erfahrbar zu machen. So gestaltet der Tänzer mit der Mathematiklehrerin, die Schauspielerin mit dem Physiklehrer oder der Musiker mit der Biologielehrerin gemeinsam im Tandem den Unterricht.

Die ausgewählten Referenzschulen im Programm Generation K mussten mindestens drei Fachlehrer*innen aus unterschiedlichen Fächern benennen, die bereit waren, diese kreative Unterrichtspraxis modellhaft in ihren Klassen zu erproben. Für die Lehrer*innen eine absolute Herausforderung, denn es bedeutet, ihre Klasse, ihren Unterricht – den sie zuvor teilweise jahrelang als Einzelkämpfer*innen bestritten – für eine*n Dritte*n zu öffnen, sich „auf die Finger schauen zu lassen“.

Die Referenzkünstler*innen – im Schnitt drei pro Schule – absolvierten 20 Fortbildungstage nach der LTTA-Methode, die Hälfte davon zusammen mit den Fachlehrer*innen. Mittlerweile wurden an den sechs Schulen mehr als 60 LTTA-Unterrichtseinheiten in allen Fächern und Jahrgangsstufen zwischen 5 und 12 durchgeführt. Die Ergebnisse sind verblüffend: die Lehrer*innen beobachten motivierte und begeisterungsfähige Schüler*innen – gerade bei solchen, von denen sie es nicht kannten oder erwarteten –, sie schreiben in den Vergleichstest bessere Noten, und auch ihre Behaltensleistung verbessert sich deutlich.

Eine Frage der Haltung

Es sind nicht so sehr die künstlerischen Methoden und Techniken, die den Erfolg von LTTA ausmachen, sondern die dem Konzept zugrundeliegende Haltung, die auch immer wieder in den Fortbildungen vermittelt wurde. Es geht um Stärkenorientierung und Fehlerfreundlichkeit, um Prozessorientierung statt Ergebnisorientierung, um Teilhabe und Partizipation, um Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung, aber auch um eine gelebte Schulkultur, die sich durch eine gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung sowie eine respektvolle, achtsame Kommunikation auszeichnet.

Daneben ermöglicht der Blick von außen eine andere Sicht auf Schule und auf Schüler*innen. Die Künstler*innen begegnen ihnen erst einmal unvoreingenommen, haben sie noch nicht in „Schubladen einsortiert“ und entdecken vielleicht verborgene Fähigkeiten und Kompetenzen, die im Schulalltag nicht so gefragt sind. Ihr Tun im Unterricht entspricht ihrer künstlerischen Denk- und Arbeitsweise. Anstelle von „Belehrung“ setzen sie auf eine forschende, experimentelle und prozesshafte Herangehensweise. Sie stellen Gewohntes in Frage, experimentieren mit unterschiedlichen Methoden und ermöglichen den Schüler*innen so Erfahrungsräume für neue Sichtweisen, Denk- und Erkenntnisprozesse.

Eine neue Perspektive

Es geht darum, ein Thema, eine Aufgabenstellung, eine Frage aus einer anderen Perspektive oder aus gar mehreren Blickwinkeln zu betrachten, querzudenken, Verbindungen herzustellen, unterschiedliche Lösungsansätze auszuprobieren, und das unter Einbeziehung möglichst vieler Sinneskanäle. Das führt dazu, dass im Gehirn unterschiedliche Bereiche aktiviert werden, zwischen denen sich neuronale Netzwerke bilden oder vorhandene verstärkt werden. Je mehr solche synaptischen Verknüpfungen entstehen und durch Wiederholung des Lernstoffs sich festigen, desto besser kann das Erlernte in bereits vorhandenes Vorwissen integriert werden.

Diese unterschiedlichen Lernzugänge – den mehr kognitiven und den eher affektiven – möglichst bruchlos zusammenzubringen, erfordert in der Zusammenarbeit von Fachlehrer*in und Künstler*in im Vorfeld eine eindeutige Rollen- und Aufgabenklärung. Wenn Künstler*innen an eine Schule kommen, neigen sie oft und meist unbewusst dazu, die Pädagogenrolle einzunehmen, weil sie sich an ihre eigene Schulzeit erinnert fühlen. Dies ist jedoch nicht ihre Aufgabe. Die fachliche und pädagogische Arbeit obliegt den Lehrer*innen, die Künstler*innen müssen sich auf ihre künstlerische Arbeit besinnen. Und trotzdem sollten sie sich auf Augenhöhe begegnen und den jeweiligen Anteil des Anderen am Unterrichtsgeschehen würdigen.

Es gilt auch zu verhindern, dass die Schüler*innen auf einmal den*die Künstler*in „voll cool“ finden, da er*sie der*die „Exot*in“ von außen und für den spannenden und spaßigen Teil des Unterrichts zuständig ist, während der*die Fachlehrer*in für sie den trockenen, anstrengenden Teil verkörpert. Die Herangehensweisen sind unterschiedlich: im Idealfall gestalten Fachlehrer*in und Künstler*in den Unterricht von Anfang bis Ende gemeinsam. Dies setzt aber eine ausführliche, zeitintensive gemeinsame Vorbereitung voraus. Oft gibt es auch einen mehrfachen Wechsel zwischen künstlerischem und fachlichem Input, wobei von einem zum anderen ein Bogen geschlagen werden muss, aus dem sich die Übergänge logisch ableiten lassen. Oder der Unterricht wird hälftig geteilt: erst erfolgt die künstlerische Intervention und dann die Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in die Fachpraxis.

Wie auch immer, es gibt kein besseres Feedback, als wenn ein Achtklässler kommt und sagt „Endlich habe ich das mit der Zinsrechnung kapiert“.


Stephan Bock leitet seit 2017 das Programm Generation K in Rheinland-Pfalz innerhalb von „Kreativpotentiale“. Früher war er als Lehrer und Schulleiter tätig, seit 2013 ist er aktiv in verschiedenen Schul-Kultur-Programmen, z. B. Kulturagenten für kreative Schulen Hamburg sowie Kreativpotentiale in Niedersachsen und Bremen.


Der Beitrag ist im Onlinemagazin Kooperationen und Bildungslandschaften der BKJ, Ausgabe Juni 2019, erschienen.

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