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/// Sophia Schöpf: „Keine erzwungene Selbstreflexion mit schlechtem Gewissen“



Die Regisseurin und Antidiskriminierungs-Trainerin Sophia Schöpf erklärt im Interview, warum niemand ohne Vorurteile und diskriminierendes Verhalten durchs Leben geht und wie Kulturarbeit dem entgegenwirken kann.

BKJ: Sind Vorurteile und Diskriminierung in jedem von uns anzutreffen?

Porträt von Sophia Stepf. Foto: Aderemi Adegbite (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lekan_Balogun_and_Sophia_Stepf_by_Aderemi_Adegbite.JPG), „Lekan Balogun and Sophia Stepf by Aderemi Adegbite“, Ausschnitt von BKJ, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcodeSophia Stepf: Vorurteile haben wir alle. Sie basieren auf Stereotypen und die wiederum auf Verallgemeinerungen und Vereinfachungen. Wir verstehen und begreifen die komplexe Welt in Kategorien, um sie zu bewältigen. Erziehung und Medien spielen dann ihre Rolle in der Verfestigung von Stereotypen und Klischees. Daraus werden Vorurteile in unseren Köpfen und können zu diskriminierendem Verhalten führen. Diskriminierung ist allerdings nicht immer ein bewusster Handlungsakt, sondern oft genießen wir angeborene Vorteile aus diskriminierenden Strukturen. So profitieren weiße Deutsche von rassistischen Privilegien, und Männer z. B. von sexistischen Privilegien. Zu denken, wir könnten vorurteilsfrei und nicht diskriminierend durchs Leben wandern, ist eine Illusion.

BKJ: Wie reagieren Kinder, Jugendliche und Fachkräfte auf Antidiskriminierungs-Methoden?

Sophia Stepf: Unterschiedlich. Es kommt auf die Personen und die Methoden an. Viele haben erstmal keine Lust, sich „schlecht“ zu fühlen. Wenn ich z. B. mit der „Power Flower“ arbeite, ein Arbeitsblatt zu Privilegien, dann sind manche Teilnehmer und Teilnehmerinnen peinlich berührt, wenn sie merken wie privilegiert sie sind. Oft werden dann Kategorien angefochten und man/frau möchte auch ein bisschen unterprivilegiert sein, damit keine Verantwortung übernommen werden muss. Denn Privileg bedeutet Macht und Macht bedeutet Verantwortung. Interessant ist es mit Jugendlichen: wenn die Jungs z. B. denken, sie seien Mädchen gegenüber nicht privilegiert. Dann frage ich die Mädchen, wie seht ihr das denn, und dann kommen die ganzen kleinen sexistischen Geschichten aus dem Alltag. Oder ich arbeite mit einem schwarzen Trainer zusammen, der von dem Alltagsrassismus berichtet, dem er täglich begegnet. Da merken die Weißen im Raum schnell, welche Formen alltäglicher Hürden sie eben nicht überspringen müssen. Aber machen wir uns nichts vor, Anti- Diskriminierungsarbeit ist jahrelange Arbeit an sich selbst, genaue Selbstreflexion. Diese üblichen kurzen Seminareinheiten stoßen das Denken nur an.

BKJ: Wie kann Kulturarbeit mit Antidiskriminierungs-Methoden verknüpft werden?

Sophia Stepf: Da gibt es viele Möglichkeiten. In der Kunst hat erstmal niemand Recht und das ist das Schöne an der Kunst. Anti-Diskriminierungsarbeit hat eine klare moralische Haltung gegenüber der Welt und das macht sie oft unattraktiv für Jugendliche, weil sie an Erziehung, Schule, Eltern erinnert. Wenn nun aber der oder die geneigte Kulturvermittler*in oder Pädagoge*in in das Thema „Diskriminierung“ einführt, den Blick auf die Welt, ihre Kategorien und Machtverhältnisse schärft und den Jugendlichen Instrumente der künstlerischen Gestaltung an die Hand gibt, dann haben diese Jugendlichen die Möglichkeit, das Thema für sich zu verarbeiten. Und zwar aktiv, kreativ und produktiv und nicht als erzwungene Selbstreflexion mit folgendem schlechtem Gewissen, wenn sie sich bei diskriminierendem Verhalten ertappen. Ein anderer Weg ist die Auseinandersetzung mit entsprechend themenrelevanter Kunst. Viele Künstler*innen schaffen Bilder, Texte und Performances, die den Bildern der Mainstreamkultur widersprechen. Sie schaffen damit Reibungsflächen. Für Jugendliche kann das Bilden einer eigenen subjektiven Meinung, die gemeinsame Debatte darüber, was Diskriminierung ist und mit welchen Kulturtechniken Bilder und Stereotype in unseren Köpfen entstehen spannender und effektiver sein, als die erzwungene Selbstreflexion. Auch das Kulturarbeiten in sehr heterogenen Gruppen ist immer fruchtbar. Vorurteile lösen sich am leichtesten, wenn ich jemanden kennenlerne, gegen den oder die ich ein – vielleicht unbewusstes – Vorurteil hatte und sich dieses in der Realität nicht bestätigt. Dann beginnt im besten Fall ein Dominoeffekt im Sinne Gandhis: Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.

Sophia Stepf studierte Dramaturgie für Theater und Medien an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig sowie an der York University Toronto. Als Regisseurin der Kompanie Flinntheater, als Dramaturgin für verschiedene Theater und Festivals z. B. in Österreich, Indien und Deutschland und als Trainerin ist sie international tätig. Außerdem arbeitet Sophia Stepf als Autorin, Redakteurin und Übersetzerin. Unter dem Label „Culture for Competence“ entwickelt sie gemeinsam mit Anja Schütze Diversity-Trainingsformate und gibt Seminare in Transkultureller Kompetenz, interkultureller Kommunikation, Film und Theater.


Cover Themenheft Seid ihr alle da?Das Interview wurde in einer längeren Fassung zuerst veröffentlicht im BKJ-Themenheft „Diversität“, das unter dem Titel „Seid ihr alle da? – Bildungsbündnisse diversitätsbewusst gestalten“ im BKJ-Förderprogramm „Künste öffnen Welten“ erschienen ist und Fachbeiträge, Interviews, Praxisbeispiele sowie einen Glossar zum Thema Diversität in der kulturellen Bildungsarbeit bietet.

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